Panteon Rococo ist vielleicht einer der interessantesten Bands, die ich seit langem getroffen habe. Zum einen macht ihre musikalische Mischung aus Ska, Reggae, Rock, Salsa und leichten Punklementen einfach nur Spaß, zum anderen gibt es kaum eine bessere Liveband, denn die Jungs verstehen es, ein Publikum in ihren Bann zu ziehen. Aber auch sonst steckt hinter der zwölf Mann Combo aus dem Chiapasgebiet in Mexiko eine ganze Menge, wie uns Sänger Luis und Bassist Dario vor dem Konzert in der Uni Göttingen erzählten. Dabei nahmen sie kein Blatt vor den Mund und erzählten uns von der Politik in ihrem Lande, von den Menschen und über den Zapatismus. Doch lest selbst!
<b>Erzählt doch mal allen, die euch noch nicht kennen etwas zu Panteon Rococo.</b>
Luis: Panteon Rococo wurde gegründet vor gut acht Jahren. Nach der Schule haben sich ein paar Leute zusammengetan, um Musik zu machen. Anfangs waren es gerade mal fünf Musiker, und nun sind es zwölf Musiker, die regelmäßig auf der Bühne stehen. Wir haben uns gegründet nach dem Bürgerkrieg im Chiapas Gebiet in Mexiko im Jahre 1994. Wir haben uns gegründet um mit unseren Texten und Liedern zum Ausdruck zu bringen, dass wir keinen Krieg wollen, dass wir aber auch nicht wollen, dass einige soziale Randgruppen im Chiapas so unterdrückt werden. Im Großen und Ganzen wollen wir auf die Missstände aufmerksam machen und so spielen wir auch in Mexiko regelmäßig in autonomen Gebieten oder Gebäuden. Chiapas ist mittlerweile ja auch zu einem autonomen Gebiet erklärt worden, obwohl der Status immer noch recht unklar ist.
<b>Könnt mir einiges zu euerer letzten CD erzählen ?Companieros Musicales?? Worauf beziehen sich die in spanisch vorgetragenen Texte?</b>
Dario: ?Companieros Musicales? ist unser zweites Studioalbum. Es geht in den Texten auf diesem Album um viele verschiedene Dinge. Wir haben Liebeslieder und sozial kritische Texte auf dieses Album gebracht. Der Name ?Companieros Musicales? bezieht sich auf eine Gruppierung all der Musiker, die sich aufgrund des Chiapas Krieges gegründet haben oder so einfach nur dagegen angehen, dass so was wieder passiert. Und in dieser Vereinigung befinden sich mittlerweile eine ganze Reihe an Bands und Musikern. Hauptsächlich geben diese Bands und Musiker Konzerte vor Studenten, als eine Art Vorlesung zur Aufklärung der Situation im Lande. Es befinden sich Ska, Rock und Punkbands darunter.
Unsere erste Single aus dem Album ?Mexico?, handelt zum Beispiel von den armen Leuten in Mexiko und davon gibt es in diesem Land eine ganze Menge. Und diese Leute, obwohl es der Großteil der Bevölkerung ist, hat keine Lobby, keine Möglichkeit ihre Situation zu verändern, oder zu wählen und zu sagen, ich will dieses Leben nicht. Es gibt es keine Möglichkeiten zu studieren oder die Situation für ihre Kinder zu verändern, also besser zu gestalten. Dieser Song handelt genau von diesen Problemen und versucht den Leuten so mal eine Basis zu schaffen. Und so in der Struktur sind die Texte der anderen Songs auch gehalten.
<b>Erzählt doch noch mal ein wenig mehr über eurer LineUp! Wie gliedert sich das in den Instrumenten, schließlich seit ihr immerhin zwölf Leute auf der Bühne!</b>
Luis: Wie schon erwähnt, am Anfang waren wir gerade mal 5 Musiker auf der Bühne. Aber mit der Zeit merkten wir, dass etwas fehlt, das musikalische Elemente fehlten. Wir waren ja gerade mal 2 Gitarristen, Bassist, Schlagzeuger und Sänger. Nun sind wir also zwölf Leute, die Musik machen und auf der Bühne stehen. Wir haben jetzt eine Percussion Sektion mit zwei Percussionisten, zwei Gitarristen, einen Schlagzeuger, einen Keyboarder, vier Bläser, aufgeteilt in einen Trompeter, zwei Posaunisten und einen Saxophonisten, sowie einen Bassisten und einen Sänger. Das ist die Band, das ist Panteon Rococo. Aber manchmal, wenn wir in Mexiko sind, oder auch auf Tour in Europa oder anderswo, mit Musikern oder Bands, die wir kennen oder gar befreundet sind, dann sind wir manchmal total viele Leute auf der Bühne. Einmal waren wir 21 Musiker auf der Bühne, die Musik gemacht haben. Es ist schon außergewöhnlich. Teilweise ist es auch sehr schwer mit zwölf Leuten, denn jeder hat seine eigene Meinung und seinen eigenen Kopf und so ist oft sehr schwer eine Entscheidung zu fällen, die wir immer gemeinsam tragen. Aber im Grunde macht es einfach nur Spaß und ist sehr lustig. Wir sind gerade auf Tour eine sehr große Familie und es ist immer eine große Party.
<b>Erzählt doch mal etwas über eure Konzerte in Mexiko, was ist da so los, was geht da so ab?</b>
Luis: Ich denke es kommt immer auf die Band an, was macht die für Musik und was ist deren Message. Wir haben eigentlich immer schon eine recht große Masse an Besuchern bei Konzerten, wenn wir in Mexiko spielen, ganz egal wo, ganz egal wie. Vielleicht ist unser Fanzuspruch in Mexiko auch ein wenig zu hoch, ich weiß es nicht.
Das größte Konzert was wir dort je gespielt haben, war vor 150.000 Leuten. Das war schon etwas besonderes. Aber es ist immer recht verrückt. Als wir uns gegründet haben, dachten wir an so etwas nicht, wir wollten auch keine große Rockband werden. Nein, nein. Wir wollten den jungen Leuten in Mexiko etwas bieten. Denn im Gegenteil zu den USA, Deutschland oder auch Spanien, gibt es in Mexiko keine Plätze für Jugendliche, wo sie sich aufhalten können.
Es leben 30 Mio. Menschen in Mexiko, aber so richtige Plätze oder Möglichkeiten für die Leute sich mal woanders aufzuhalten gibt es kaum. Erst langsam wächst so eine Art Underground Szene heran, wo das dann möglich ist. Natürlich gibt es auch Bars und Diskos, aber die sind einfach zu teuer. Und für über 90 Prozent der Jugend einer Stadt ist es nicht möglich dorthin zu gehen, denn du bezahlst 50 Euro für ein Ticket. Des wegen sitzen die Leute auf den Straßen, trinken dort und so entsteht häufig sehr viel Gewalt. Daher haben wir uns auch gegründet, um bei unseren Konzerten der Jugend eine Möglichkeit, eine Plattform zu bieten, wo sie billig hingehen können, wo sie sich aufhalten können und wo sie wichtig sind. Auch andere Bands machen das so, wie Matatena Royal Club oder Sekta Core und viele andere. Du brauchst doch einfach die Möglichkeit auch mal legal rumzuhängen und so kommen die Kinder, die Jugendlichen halt von der Straße, wenigstens ab und zu und werden nicht so leicht kriminell.
<b>Habt ihre eigentlich gute Verbindungen oder Freundschaften zu anderen Bands aus Mexiko, wie vielleicht Molotov?</b>
Dario: Nein, wir haben keine Verbindung zu Molotov. Wir kommen aus dem mexikanischen Underground und dort befinden sich Bands wie Sekta Core, La Matatena, Roy Tabacco und andere zu denen wir schon eine sehr gute Beziehung haben, weil sie aus dem gleichen Umfeld kommen wie wir und wir auch daher sehr viel mit Ihnen zu tun haben.
Luis: Es gibt sehr viele gute Bands in Mexiko mit denen wir auch arbeiten und Konzerte veranstalten, sei es in Chiapas oder anders wo. Das kann in sozialen Einrichtungen sein oder auch in der Natur oder sonst wo. Es kann auch sein, dass wir Konzerte für die Straßenkinder geben. Anders verhält es sich mit den Bands die dem mexikanischen Maintream angehören. Molotov gehört genau zu diesen Bands. Zwar reden sie in ihren Texten auch von Freiheit und gebt uns die Macht und die Kraft, aber sie wissen nicht von was sie da reden und schon gar von was wir reden. Sie sind einfach viel weiter weg von den armen Schichten und von der Bevölkerung, als wir es sind. Wir haben zu diesen Bands keinen Kontakt, da wir nicht aus deren Umkreis stammen. Wir sind eine Underground Band und befinden uns jetzt irgendwo in der Mitte zwischen einer Bandgründung und dem Mainstream. Unsere Ideologie ist ganz anders ausgerichtet. Wir kämpfen darum, dass die Leute die zu unseren Konzerten kommen, besonders die die zum ersten Mal da sind, etwas mitnehmen und merken, dass da jemand zu Ihnen spricht und genau weiß, die sind wie wir und die wissen wie es uns geht. Wir versuchen den Leuten zu sagen, dass sie etwas verändern können. Wir versuchen Ihnen Mut zu machen, auch wenn sie kein Geld und keinen Job haben, dass es weitergeht und sie immer wieder hoch kommen können. Das versuchen wir Ihnen bei jedem Konzert und auch in jedem Text mit zu geben, das ist Panteon Rococo. Aus diesem Grunde ist es auch gut, dass wir hier sein können, denn niemand kennt Panteon Rococo, niemand erwartet etwas von uns. Und das ist mehr an der Wirklichkeit. Wir merken hier wieder richtig, dass wir auch Menschen sind, weil wir anders wahrgenommen werden. Hier können wir einmal abschalten und an etwas anderes denken, dass macht uns wieder Mut, denn das brauchen auch wir mal. Ich will damit nicht sagen, dass wir Mexiko nicht lieben, im Gegenteil, aber manchmal ist es so schwer und doch so wichtig den nötigen Abstand zu bewahren.
Dario: Konzerte hier in Europa zu machen, ist wie ein Neuanfang für uns, wir starten von null an und das ist sicher gut für uns.
<b>Könnt ihr uns einiges über den Zapatismus erzählen? Ich weiß leider sehr wenig darüber, was kann man sich darunter vorstellen?</b>
Luis: Das Ganze geht zurück zum Bürgerkrieg im Chiapas im Jahre 1994. Es ist eine zivile Bürgerbewegung. Von diesem Zeitpunkt an haben wir angefangen mit vielen Bands, bestimmten Teilen und Organisationen der zivilen Gesellschaft, Studenten aus den Universitäten und Schulen und mit Organisationen der Arbeiterklasse zusammen zu arbeiten. Es geht um sie Situation und das zentrale Problem in Chiapas, eigentlich in ganz Mexiko und besonders auch in Mexiko City, das tägliche Leben im Chiapas (bzw. in Mexiko). Es geht um die Grundrechte, die eigentlich nicht existieren, es geht um Kampf zwischen Paramilitärs und dem mexikanischem Militär um Rechte und Macht, die auch vor Gewalt gegenüber der Bevölkerung nicht zurückschrecken.
Es ist einfach so, dass sie sagen ihr wisst nichts über uns, lasst uns hier leben, lasst uns in Ruhe, doch das passiert nicht, da die mexikanische Regierung das nicht zulässt. Für sie ist es ein riesiges Problem, dass jemand sagt ich will leben wie ich will, will meiner Religion nachgehen, die ich will. Denn die Regierung gibt den Bewohnern, besonders den Indianern des Chiapas gar nichts, lässt sie aber auch nicht in Ruhe. Es ist ein großes Problem für die mexikanische Regierung sich mit einheimischen und unabhängigen Einwohnern einer Region auseinander zu setzen, denn dass sollten sie ja nach mexikanischem Recht nicht sein. Der Regierung war es wichtiger eine gute Beziehung zu den USA zu haben, eine kommerzielle Beziehung, die besiegelt wurde durch das Freihandels Abkommen mit der USA. Dabei ist es unserer Regierung total egal, ob die Bevölkerung hungert oder ob es ihr schlecht geht, Hauptsache ist, die können sich ihre Taschen füllen und so ist es im Chiapas ja auch. Die Indianer hier werden unterdrückt, sie dürfen keine Meinung haben, da die Regierung Angst davor hat und befürchtet es könnte Ihnen schaden.
Doch den Menschen ist das egal, sie wollen ja nur etwas zu essen, medizinische Versorgung, Kleider und ein Dach über dem Kopf aber selbst dafür fühlt sich unsere Regierung nicht verantwortlich. Wir geben jetzt Konzerte und planen Veranstaltungen mit, um den Menschen zu helfen und um aufzuklären. Denn seit nun mehr 9 Jahren existiert dieses Problem, existiert die nicht Anerkennung der Menschen im Chiapas Gebiet und es ist immer noch keine Lösung in Sicht und das ist das schlimme daran.
<b>Könnt ihr abschließend noch etwas zu Kommandante Marcos erzählen, der wie ich gehört habe der Anführer der Zapatisten Bewegung ist?</b>
Dario: Super Kommandante Marcos ist die Stimme des Chiapas Gebietes, das Idol dort, denn er ist der Einzige der sich traut, sich dieser Themen anzunehmen, der sich darum kümmert und darüber spricht. Er ist wie eine Ikone, denn die Leute vergöttern ihn, denn er sagt was er denkt. Und ich denke wirklich, dass er wichtig für das Chiapas Gebiet ist, denn ergibt den Leuten Hoffnung, ob es im Endeffekt etwas bringt ist nicht sicher, aber im Grunde zählt das auch erst mal nicht, denn die Hoffnung ist das was zählt.
Luis: Er managt die gesamten Sachen mit der internationalen Presse und kümmert sich darum. Ich respektiere ihn auch, er ist irgendwie extrem intelligent, zegit Charakter für sein Land und die Leute. Man kann sagen, dass er das mediale Zentrum der gesamten Bewegung ist und alle tun halt im Grunde was er vorschlägt und sagt. (Anm.d.Verf.: Kommandante Marcos ist im Chiapas so eine Art Revolutionsführer, kämpft aber mit Worten, nicht mit Waffen. Interessant ist, dass die mexikanische Geheimpolizei mit Hilfe der CIA immerhin vier Jahre brauchte um die Identität dieses Mannes zu klären, da er immer mit schwarzer Sturmhaube, Zigarre und Fidel Castro Mütze in der Öffentlichkeit auftritt.
<b>Habt ihr näheren Kontakt zu ihm?</b>
Luis: Nein eigentlich nicht, aber wir haben ihn mal getroffen. Vor zwei Jahren haben wir auf einer Massenveranstaltung gespielt, wo er auch war, um eine Rede zu halten. Es war der Jahrestag des Aqtial Massaker aus dem Jahre 1998. Wir haben da gespielt mit einigen anderen Bands und Marcos hat uns, also den Companieros Musicales gedankt und wir hatten von diesem Zeitpunkt an die Idee unsere Platte so zu nennen.
Comapanieros Musicales ist halt eine Verbindung um seine Meinung zu dieser Problematik zu äußern.
<b>Vielen Dank für das Interview und alles Gute weiterhin auf eurem Weg!</b>