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Reeperbahnfestival 2008 – Ein Bericht

Ein Glück, es war wieder so weit. Die Stimmen nach „new international music“ wurden in Hamburg immer lauter, da kam das dritte Reeperbahnfestival um die Ecke und versorgte die Musikliebhaber der weltbekannten Feiermeile mit neuen Entdeckungen und altbekannten Adrenalinschub – Garanten. Doch konnte das Festival, das neben Musik auch eine ganze Menge weiterer Kultur zu bieten hat, die Erwartungen dieses Jahr vollkommen erfüllen?

Bereits Line-Up-technisch muss man sagen: Ja ja ja! 140 Bands brachten 15 auserwählte Clubs der Reeperbahn zum Kochen. Von Hamburger Helden à la Tomte, Gisbert zu Knyphausen oder Bratze ging es weiter über nationale Acts wie Get Well Soon, PeterLicht, Smudo und Slut weiter zu namenhaften internationalen Künstlern, zum Beispiel Nada Surf, Gravenhurst oder Foals. Das Festival muss sich wirklich nicht mehr hinter großen Namen verstecken, das Musikprogramm war für meinen Geschmack eines der besten der diesjährigen Festivalsaison. So weit so gut. Nun ist bereits eine Woche ins Land gezogen seit dem Spektakel, Zeit für Reflexion und einen Rückblick.

Organisatorisch ein wahnsinnig gut gelungenes Festival. Durch die Infrastruktur der Stadt gab es nie Probleme, mit welchen man bei „normalen“ Festivals zu kämpfen hat: Bier, sowie andere Getränke und Essen gibt es günstig an jeder Ecke, auch die Preise in den Hamburger Clubs sind erträglich. Müllentsorgung in ganz normalen Mülleimern der Reeperbahn und Schlafmöglichkeiten in diversen Hotels und Jugendherbergen der Stadt. Letzteres mag den Campingfreaks sicherlich sauer aufstoßen, Zelten ist nämlich komplett verboten. So steigen für von fern anreisende Besucher die Preise natürlich nochmal, obwohl mit 55€ für ein 3-Tages-Ticket der Preis ja wirklich noch niedrig gehalten ist für das Angebot. An der Wristband-Vergabe gab es keinerlei Probleme, jeder kam schnell an sein Bändchen – Soweit ich das mitbekomme habe, ich konnte leider erst ab Freitag der Feierei beiwohnen.

Was sich aber schon 2006 als Problem rausstellte, mir dieses Jahr erneut auffiel und was auch 2007 sicherlich nicht viel anders war: Der ungünstige Timetable. Okay, es ist sicherlich nicht möglich, alle Wünsche zu erfüllen und bei der Vielfalt ist es einleuchtend, dass vieles parallel laufen muss. Aber es ist mir unerklärlich, wie man freitags Gisbert zu Knyphausen, Get Well Soon, Foals und Jape zeitgleich laufen lassen kann. Zumindest für meine Geschmack eine ganze handvoll wirklicher Highlights auf einmal verpfeffert. Und da bin ich mir ziemlich sicher, dass das vielen Besuchern an der ein oder anderen Stelle ähnlich gegangen sein wird. Hinzu kommt natürlich die Problematik mit dem Einlass. Wenn man großen Acts beiwohnen will, bleibt einem meist nichts anderes übrig, als rechtzeitig am Einlass des Clubs zu warten und eventuell eine andere Band, die man sehen wollte, dafür abzublasen. Oftmals liegen ja auch noch Distanzen zwischen den Clubs. Wenn man vom Uebel&Gefährlich zum Docks möchte, hat man gut und gerne über 20 Minuten Fußweg vor sich. Ganz besonders fiel das bei Tomte ins Gewicht, die in den Fliegenden Bauten spielten. Es gab nur sehr wenige Sitzplätze dort und die Security verbot es, sich dort auf den Boden setzen. Eigentlich eine Unverschämtheit, wenn man sich vorstellt, dass vor den Türen des Theaters noch hunderte von Menschen auf einen Platz hoffen und dafür andere Konzerte an sich vorbeiziehen lassen müssen.

Was allerdings noch positiv herauszuheben ist, ist die Tatsache, dass keine Band mit sonderlicher Verspätung spielte, so konnte man sich auf seinen Timetable verlassen. Und es musste nur ein Konzert abgesagt weden. The Subways konnten nicht auftreten, Billy Lunn war die Vertretung. Aber es gab auch eine positive Überraschung: finn. spielte sogar spontan gleich zwei Konzerte an zwei Tagen. Auch eine tolle Idee war die Bühne auf dem Spielbudenplatz. Alle drei Tage spielten auch Bands auf dieser Bühne mitten auf der Reeperbahn, so konnten auch zufällig vorbeischauende Leute und Menschen ohne Wristband eine Prise Festivalflair schnuppern.

Das zum Umfeld, nun zur Musik. Wie bereits gesagt konnte ich dem Donnerstag nicht beiwohnen, jedoch hörte ich von vielen Seiten, dass das Konzert von finn. trotz der Verspätung sehr schön gewesen sein soll. Kaum Gutes hörte ich hingegen von Crystal Castles. Kein Wort gegen die Band, die waren wohl in guter Form wie immer, aber der Neidklub war anscheinend einfach zu überfüllt, so dass man vor dem Club motzte, nicht hineinzukommen und drinnen um jeden Quadratzentimeter kämpfen musste.

All das zog ja aber an mir vorbei und mein Festival begann am Freitag mit dem Konzert von PeterLicht. Die Große Freiheit 36 war gut gefüllt, aber jeder hatte ausreichend Platz für sich. Es wurde getanzt, die Stimmung war gut, Peter selbst in bester Verfassung. Lediglich der Sound war enttäuschend, so dass man weiter hinten vom Gesang kaum noch was mitbekam. Nach PeterLicht kam ich an die Stelle der Qual der Wal (siehe weiter oben) und entschied mich, da ich die anderen Bands schon mehrfach sah, für Jape im Uebel&Gefährlich. Die Iren trumpften nicht mit der gleichen beeindruckenden Lightshow wie beim Melt! auf, aber der Auftritt war trotzdem ganz große Klasse. Elektronische Beats und folkartige Gitarrenmusik vereinen sich zu fabelhafter Popmusik. Zu Beginn des Konzerts waren nur wenige Leute da, im Verlauf sollte sich das Uebel&Gefährlich aber noch füllen. Nach dem Auftritt hetzte man dann also mit ordentlich Tempo Richtung Fliegende Bauten, um Tomte zu sehen. Von der Menschenschlange berichtete ich ja bereits, viele Besucher kamen wohl nicht mehr rein. Das Konzert war aber einzigartig schön. Tomte spielten ein Akustik-Set, viele Songs der neuen Platte und die edle Location war wie gemacht für einen Anlass wie diesen. Da griff man anstatt zum Bier dann auch gerne mal zum Wein. Nach Tomte gab es dann noch genügend Möglichkeiten, den Abend ausklingen zu lassen. Ich entschied mich für die wohl lauteste Variante und stürmte erneut zurück zum Uebel&Gefährlich, wo die Audiolith – Helden Kevin und Norman von Bratze bereits ordentlich in die Tasten hauten. Ich erinnere mich an wenige Konzerte, wo die beiden so dermaßen Gas gegeben haben. Der Bunker brodelte und die Masse schwitzte. Der Alkohol zu diesem Zeitpunkt sollte dann den Rest getan haben.

Nach einer Nacht mit wenig Schlaf schlurfte man am Samstag dann erneut auf die Reeperbahn, um den letzten Tag durchzuziehen. Zu allererst suchte ich den D-Club auf, wo die Hamburger Helden von Herrenmagazin sich die Seele aus dem Leib musizierten. Danach konnte man sich schnell ein Getränk bestellen und schon ging es in der gleichen Location mit einer weiteren fantastischen Band weiter: Blood Red Shoes. Der punkig-garagige Sound der beiden charmanten Engländer durchnässte nun auch das letzte trockene Hemd, Songs wurden mitgesungen und das Publikum animiert. Wirklich eines der Highlights des Festivals, klasse Band. Nach den Blood Red Shoes konnte ich erneut im D-Club bleiben, denn Nada Surf waren die nächsten in der Reihe. Wer sich bis jetzt die Füße noch die Wund gesprungen hat, konnte das nun nachholen. Auch das Thema Mitsingen wurde erneut groß geschrieben, schönes Konzert mit gut gelaunter Band im Einklang auf der Bühne. Um den gelungenen Abend ausklingen zu lassen, bot sich Gravenhurst im Knust an. Der junge Brite Nick Talbot stand diesmal solo auf der Bühne, ganz ohne Band, nur mit Gitarre. Das gab vielen Songs ein ganz anderes Flair. Verträumte Gesichter, wo man auch hinschaute, da störte es niemanden, dass das Konzerte sogar noch länger andauerte, als geplant. Wer nun noch die letzte Energie aus den Knochen hauen wollte, dem boten sich beim Audiolith DJ – Team und diversen anderen Dance & Drink – Veranstaltungen genügend Möglichkeiten. Alle anderen konnten mit einem Lächeln auf den Lippen den Weg nach Hause antreten.

Alles in allem ein wirklich gelungenes Wochenende, bestimmt nicht nur für mich. Nachdem das Debüt für mich sehr überzeugte und ich vom Line-Up des letzten Jahres doch enttäuscht war, bin ich überrascht gewesen, in welch schöne Richtung sich das Festival wieder entwickelt. Tolle Konzerte, viele Möglichkeiten und eine tolle Atmosphäre für wenig Geld. Und ganz ehrlich, es hat schon ziemlich Stil, sich zwischen betrunkenen Fußballfans, Großstadtprolls und Touristen in Richtung Konzertvenue zu begeben. Da wertschätzt man dann noch mehr als bei anderen Festivals, dass man merkt, wo man hingehört. Cheers. Bleibt zu hoffen, dass das Festival seine Stärke auch im nächsten Jahr halten kann!


Fotos vom Festival von Martina gibt es bei uns in einer Galerie – Hier!

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