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Einstürzende Neubauten – The Jewels

Fernab vom bekannten medialen Rummel erschien Ende April eine neue Platte der Einstürzenden Neubauten. (Aus diesem Grund erscheint die Betrachtung dieses Albums wohl auch erst jetzt.) Ein halbes Jahr nach der Veröffentlichung ihres letzten Studioalbums „Alles wieder offen”, mit dem sich die Neubauten aus dem eingeschworenen Kreis der Supporter wieder heraus an die Öffentlichkeit wagten, legten die Klangforscher um Blixa Bargeld mit „The Jewels” nun eine Platte nach.

Darauf zu finden sind fünfzehn Miniaturen, die seit 2006 im Rahmen des Supporter-Projekts entstanden. Es handelt sich bei diesen gesammelten “Juwelen” nicht um ein vollkommen neues Studioalbum. Vielmehr werden Stücke, die bis dato nur Supportern zur Verfügung standen, indem die Band jeden Monat ein Lied zum Download anbot, nun auch der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt. Dazu erhält der Musikliebhaber einen vierzigminütigen Film, der die Entstehung der „Jewels” dokumentiert.

Fernab vom gesteckten Ziel, jeden Monat in knapp bemessener Zeit neben der „normalen” Arbeit an einem Album ein experimentellen Song aufzunehmen, macht die kurzen Stücke noch ein anderer Umstand zu etwas Außergewöhnlichem: Sie alle sind mit Hilfe eines „Navigationssystems” entstanden. Blixa Bargeld, der dieses entwickelte und ihm den Namen DAVE gab, erklärt das Prinzip und die zugrunde liegende Idee in der beigefügten Dokumentation „Acht Lösungen”: Nachdem er, teils real, teils vor dem geistigen Auge, das gesamte bisherige Schaffen der Neubauten rekapitulierte, schrieb er alle ihm wichtig erscheinenden Dinge, die mit der Musik in Verbindung standen, in Form von Stichworten auf kleine Kärtchen. Daraus entstanden knapp 600 Karten mit Stichworten wie „Resonanzkörper”, „Vibrator” oder mit klaren Vorgaben wie „eine hohe Note”, „Andrew fängt an” aber auch mit diffusen Umschreibungen wie „ein Objekt für jedermann”, „unten abschneiden“ versehen.

Bevor sich die Band nun an die Aufnahme eines neuen Songs machte, zog jedes Bandmitglied drei oder vier Kärtchen. Die darauf angegeben Stichworte waren für den, der sie gezogen hatte, die persönlichen Anweisung, die musikalische Vorgabe für den folgenden Song. Jedoch waren die Angaben meist eher schleierhaft, so dass jedem genügend Interpretationsspielraum und Möglichkeiten der kreativen Umsetzung blieben. Spannend machte den Entstehungsprozess dabei vor allem die Tatsache, dass jeder seine Kärtchen für sich behielt und so gleichzeitig nicht wusste, was die anderen gezogen hatten.

Alexander Hacke beispielsweise zog für das Stück „I Kissed Glenn Gould“ die drei Karten „in einer anderer Sprache“, „Schrei“, „in die Saiten“ und entschloss sich dazu, auf Spanisch in die Seiten einer Gitarre zu schreien und die Resonanz aufzunehmen. Auf Blixas erste im Spiel gezogene Karte stand damals „ein Traum”. Fortan erwiesen sich für fast alle Miniaturen die Traumprotokolle, die er seit Jahren führt, als gute textliche Grundlage.

Allein das Konzept, die Herangehensweise, die Idee, die hinter den „Juwelen” steckt, ist in höchstem Maße faszinierend. Die Einstürzenden Neubauten beweisen damit auch nach nun fast dreißig Jahren musikalischem Schaffen, dass sie nicht gewillt sind, ausgetretene Pfade zu beschreiten, sondern immer wieder nach dem Neuen Suchen. Es ist ihr Wille geblieben, neue Klänge zu finden, die Musikalität von Gegenständen und Materialien zu erforschen. Das Kartenspiel DAVE, benannt nach der Stimme des Navigationssystems in Blixas Auto, entzieht der Band die berechenbare Komponente ihrer musikalischen Arbeit. Gleichzeitig ist es spannend, den Musiker auf Zufall reagieren zu sehen, wo er dennoch nicht seiner Kreativität beraubt ist.

Unter Planen vor dem Haus
nur notdürftig bedeckt
im Kohlenkeller leicht verscharrt
man kann nicht sagen, es wäre versteckt
und trotzdem hat davon bisher
noch niemand nichts entdeckt

Ich komme davon

Was ich zu verbergen habe
wird im Kofferraum transportiert
Ich werde an den Zufahrtsstraßen
folgerichtig kontrolliert
im Computer können die Leute
mich nicht mal beim Namen finden

Ich komme davon

Der Opener „Ich komme davon” ist als erstes Arbeitsergebnis ein wahrer Glücksgriff! Es stimmt einfach alles: Kurze schlagende Hammond-Akkorde, dazu gesellt sich Blixas schwärmerische Erzählerstimme, prägnante Drum-Schläge setzen ein. Das erste „Juwel“ war geboren. „Hawcubite” erweist sich als knackiges Tanzstück, im Stile des „Musentangos”. Bei „Epharisto” spielt Alexander Hacke drei Gitarren gleichzeitig. „Magyar Energia”, dem ein oder anderen vielleicht als ungarischer Energiekonzern bekannt, erinnert ein wenig, wenn auch in nicht ganz so ekstatischer Form, an „Ein seltener Vogel”. Eine Freundin Blixas sprach hierfür über Telefon seinen Texte in ungarischer Sprache ein, damit das Kärtchen „in einer anderen Sprache” erfüllt werden konnte. Jede Miniatur weist so eine eigene, höchst spannende Geschichte auf. Jede davon strotzt nur so voller Kreativität.

Seit dem Weggang von FM Einheit Mitte der Neunziger Jahre wurde der Vorwurf immer lauter, das Konzept der Band habe sich erschöpft, man höre nichts Neues mehr. Natürlich fiel dadurch ein wichtiger und prägender Gegenpol zu Blixa Bargeld weg, aber man macht es den Neubauten fortan immer wieder zum Vorwurf, dass sie ruhiger geworden seien und unterstellt ihnen, die Auswüchse der Popmusik hätten auch in ihrem Schaffen Einzug gehalten. Mal abgesehen davon, dass man Sicherheit glauben kann, jene Kritiker würden der Band Ideenlosigkeit vorhalten, wenn diese weiterhin das Prinzip „Hören mit Schmerzen” verfolgen würden, wird beim Hören dieser „Juwelen” mehr denn je die Unsinnigkeit dieser Diskussion deutlich. Es ist eine Inovationsdebatte voll von Allgemeinplätzen, die man meint bei nahezu allen Bands, die mehr als zwei Alben veröffentlichen, führen zu müssen. Traurigerweise wird sie bei den innovativsten Musikgruppen immer am härtesten und kritischsten ausgefochten. Diese werden an einem Maßstab gemessen, dessen Messlatte ihre musikalische Neuartigkeit schier unendlich hoch gehangen hat. Fakt ist, dass Menschen nicht in der Lage sind, sich innerhalb von dreißig Jahren unweigerlich neu zu erfinden – und vor allem: es nicht müssen.

In den Nächten in denen alles kippt
die Vertikalen, Horizontalen
alle Falten werden Kriege
die ganze Zeit zu einem einzigen Punkt
und ich am Grund
an allem Schuld
ich stürze in die Sonne
immer
auch jetzt

Jeder Satz mit ihr hallt nach

Mein Sonnenflecken-gestörtes Haupt
thront mit aufgerissenen Augen
aufrecht
im Nicht-Schlaf

Auch ich war von „Alles wieder offen” ein wenig enttäuscht, ob der doch sehr behüteten und musikalisch eingängig bis oberflächlichen Sücke. „The Jewels” begeistert dort, wo „Alles wieder offen” auf der Strecke blieb. Noch dazu kommt es in einem liebevoll aufgemachten, zweisprachigen CD-Büchlein daher, das vierzig Seiten umfasst. Ein Text von Blixa Bargeld verdeutlicht das Konzept des Albums. Visuelle Eindrücke kann man durch die Dokumentation „Acht Lösungen” erhalten, welche den Supportern als DVD zugänglich gemacht worden war. Nachdem Blixa DAVE vorstellt, erklären die einzelnen Bandmitglieder hierauf wie sie bei den acht ausgewählten Stücken jeweils mit ihren Karten umgegangen und dann vorgegangen sind. Sowohl für Fans als auch für Neulinge bietet diese Scheibe ungeahnte Qualitäten!

The Jewels” erschien am 25. April 2008.

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