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Im Gespräch mit Patrick Wolf

Patrick Wolf Bevor unser charmanter, unverwechselbare Glitzerbrite am letzten Septembertage in Frankfurt am Main die Bühne betrat und das anwesende Publikum in Ekstase versetzte, nahm er sich die Zeit, auf der Ledercouch Platz zu nehmen und sich unseren Fragen zu stellen. Patrick Wolf über Damaris, Theseus und Jean Paul Gaultier.

Wie geht’s dir?
Mir geht’s gut, danke.
Hast du ein paar gute Shows hinter dir?
Ja, sie waren alle sehr gut, ich bin sehr glücklich damit. Es ist schon lange her, dass wir diese Lieder live gespielt haben. Aber als Band mit sehr starkem Zusammenhalt lassen wir keinen Platz für Fehler, jedoch genug Raum für Chaos, weil wir die Songs so gut kennen. Musikalisch sind wir auf jeden Fall sehr glücklich.

Du hast dein eigenes Label Bloody Chamber Music gegründet. Bedeutet es für dich mehr Freiheit oder mehr Druck, weil du mehr in den finanziellen Aspekt eingebunden bist?
Ich denke, finanziell kann es für jeden, der seine eigene Firma gründet eine Qual sein, denn du stellst dich quasi selbst aufs Spiel, wisst ihr? Aber der Hintergrund war, in meiner Kreativität nicht eingeengt zu werden. Also, auf einer Seite ist es geschäftlich gesehen ziemlich beängstigend, aber auf der anderen Seite ist es auf künstlerischer Ebene sehr befreiend.

Ursprünglich sollte „The Bachelor“ der erste Teil einer Doppel-CD namens „Battle“ sein. Der zweite Teil „The Conqueror“ soll nun Anfang 2010 veröffentlicht werden. Was dürfen deine Fans erwarten?
Ich denke, so wie bei all meinen anderen Alben, sollten sie unvoreingenommen bleiben. Es scheint irgendwie eine Manie zu sein, den Tag vor dem Abend zu loben. Ich denke, eine zu große Vorausnahme meiner Alben führt zu falschen Erwartungen oder zu Leuten, die nur kleine Bruchstücke von Interviews nehmen und diese völlig übertrieben interpretieren und anfangen zu fantasieren wie die Alben klingen könnten. Das ist natürlich sehr schmeichelhaft, aber ich denke, das Beste ist es einfach zu warten bis man die Musik hört und dann darüber zu urteilen. Denn wenn ich eine Platte aufnehme, dann experimentiere ich bis zur letzten Minute damit, arbeite das Leitmotiv heraus und wie es letztlich alles in Verbindung miteinander steht. Deshalb würde ich die Hörer gerne bitten, offen zu bleiben. Ich denke, konsequent bei all meinen Alben ist, dass ich gerne überrasche.

Der Text zum Song „The Bachelor“ sind von einem alten Lied der Appalachen. Wie bist du darauf gekommen?
Eigentlich war es sogar nur ein Gedicht, es hatte also gar keine Melodie. Als ich gelernt habe den Dulcimer, das ist das tradionelle Instrument aus den Bergen der Appalachen, zu spielen habe ich recherchiert, wo es seinen Ursprung in Literatur und Folksmythologie hat. Anstatt Lieder aus den Appalachen zu finden, bin ich auf diese Gedichte gestoßen. Also habe ich sie ausgedruckt und nach ungefähr zwei Jahren, in denen sie in Vergessenheit geraten waren, habe ich sie wieder entdeckt. Ich habe in meinem Haus und in meinem Studio ein riesiges Archiv mit Recherchematerial, von klassischer Musik über Literatur bishin zu Kunst, einfach alles, was inspirieren kann. Ich wachte also eines Tages sturzbetrunken auf und die Kiste war geöffnet und überall waren diese Gedichte auf dem Boden verstreut, die ich total vergessen hatte. Eines davon hat einfach total zu meiner damaligen geistigen Verfassung gepasst. Dann habe ich es zu einem persönlicheren Text umgeschrieben und musikalisch vertont. Ich denke, das kommt davon, dass ich etwas von einem Hamsterer und Forscher habe. Ich mag es, viel zu reserchieren und zu erforschen, bevor ich ein neues Albumprojekt beginne, denn dann hast du im Endeffekt viel mehr Informationen zu verarbeiten wie wenn du nichts tust, und das ist wichtig.
Denkst du, dass sich der Entstehungsprozess von diesem Song stark von anderen unterscheidet, weil du den Text nicht völlig allein geschrieben hast oder war es mit anderen vergleichbar?
Ich denke, manchmal ist es so, dass man wahrscheinlich gar nicht realisiert, wie viel von anderen in den eigenen Songtexten steckt und dass man nicht erkennt, dass ein Text aus Sätzen besteht, die deine Freunde gesagt haben könnten. Oder Dinge, die in der Vergangenheit von anderen Leuten bekundet wurden oder dass du Wörter benutzt, die du einfach oft hörst. Jedenfalls ist es beim Schreiben der Texte so, ohne zu abstrakt werden zu wollen, dass du deine liebsten Worte und Sätze in einem Gedicht zusammenfasst. Ich denke, dass Poesie nicht einfach nur aus der Luft gegriffen ist. Als Dichter oder Lyriker ist es eher das Ergebnis deiner Lebensabschnitte. Ich habe bei ein paar älteren Liedern ein Gedicht genommen und es angepasst. Der Trick dabei ist, eines zu finden, dass auf natürliche Weise zur Melodie passt und es nicht krampfhaft in die Musik zu zwängen, es muss eine Harmonie zwischen beidem bestehen.

„Damaris“ und „Theseus“ haben beide griechischen Hintergrund. Gibt es in deiner Musik einen gewissen Hang zu griechischer Mythologie?
„Damaris“ ist eigentlich ein griechisches Wort und nur in der Bibel eine eigenständige Figur. „Damaris“ kommt von einer lokalen Volkserzählung, einer wahren Geschichte, die mündlich in einem englischen Dorf weiter gegeben wurde. Aber ja, ich lasse mich unheimlich von Klassikern inspirieren, gelegentlich wie bei „Tristan“ auch von mittelalterlichen Mythologien unter König Arthur mit Tristan und Isolde. „Jacob’s Ladder“ stammt aus der Bibel… ja, auch bei „Theseus“ ist das eigentlich so. Manchmal stoße ich auf Geschichten, die mich faszinieren und mit denen ich mich identifizieren kann. Es ist irgendwie, als würde ich die Mythologie dazu gebrauchen, eine Geschichte aus meinem Leben zu erzählen und diese Erzählung zu nutzen, um etwas von mir selbst Preis zu geben.
Denkst du, das wird sich auch in deinen zukünftigen Aufnahmen fortsetzen?
Ja, ich denke schon. Es ist auf jeden Fall ein Muster, das sich festgesetzt hat. Da ich viel lese und viel recherchiere, tauchen diese Figuren einfach immer wieder auf. Zum Beispiel, wenn ich in einem Museum bin und auf einmal die komplette Geschichte über Ikarus oder so entdecke und dann seine Geschichte mit meiner verknüpfe… das ist einfach eine meiner Weisen zu arbeiten.

Nach welchem Prinzip entscheidest du, welcher Song es auf die Setlist einer Show schafft? Veränderst du die Liste jeden Tag?
Irgendwie spontan, weil wir jetzt doch eher eine feste Setlist haben. Es wird knifflig, wenn wir von einem 30minütigen Set auf eines von zwei Stunden wechseln, es kommt drauf an, wie lange die Show ist. Vieles schafft es nicht auf die Setlist, aber nach vier Alben gibt es einfach auch vieles, was verlangt wird. Die Leute wollen quasi die zehn stärksten Lieder hören, die Hits oder wie auch immer man sie nennen möchte. Ich habe das Gefühle, dass man als Songwriter und Performer die Aufgabe zu erfüllen hat, dass das Publikum diese Songs auch zu hören bekommt. Aber dann gibt es natürlich auch Lieder, die ich gerne viel mehr einbringen möchte, die privater sind und weniger Aufsehen erregen, das undurchsichtigere Material.
Du versuchst also trotz alledem, etwas zu variieren?
Ja, es gibt immer zwei bis drei Songs, die austauschbar sind. Wir neigen dazu, einen guten Anfang, Mittelteil und Schluss zu haben. Daran halten wir uns und den Rest wandeln wir ab. Das ist das Prinzip, das ich verfolge und das abhängig von Faktoren des Älterwerdens ist und einfach auch davon, dass wir immer mehr Shows spielen. Als Band braucht man auch mehr Struktur. Als ich jünger war und ich nur mit meinem Laptop und meiner Orgel aufgetreten bin, gab es nie eine Setlist. Ich bin einfach auf die Bühne gegangen und es herrschte 45Minuten lang Chaos… das hat auch geklappt, aber war manchmal ziemlich heikel für das Publikum.

Patrick Wolf

Du hast 2005 während einer deiner ersten Deutschlandtrips ein sehr kleines Konzert in Heidelberg gespielt.
War das nur ich?
Du hattest einen Drummer dabei.
Ah okay, das war dann wohl beim zweiten Album.
Wenn du dich an diese Zeit zurück erinnerst, würdest du dir manchmal, gerade in Bezug auf die Atmosphäre wünschen, wieder diese Art von Shows spielen zu können oder ziehst du die größeren Gigs vor?
Ich denke, es ist wirklich meschugge von Bands zu glauben, dass sie für immer großen Erfolg haben werden und in großen Venues spielen können oder dass sie für immer die Intimität, die sie mit ihrem Publikum verspüren, aufrecht erhalten können. Es gibt viele verschiedene Phasen, verschiedene Alben und Touren, Zeiten, in denen der Status deiner Berühmtheit und deines Erfolges unklar ist und dann auch wieder nicht. Ich weiß, dass Madonna das Glück hatte, schon mit ihrem ersten Album durch Arenen zu touren und damit weiterzumachen, bis sie fast 60 war. Ich denke ich bin eher wie die Beach Boys. Mit der Veröffentlichung eines Albums spielen sie ihre Konzerte vielleicht auf Toiletten und mit dem nächsten Release, sind sie wieder in den Arenen zu finden. Ich will damit sagen, dass es so viele Möglichkeiten gibt und dass man sich deshalb nicht um die Vergangenheit oder das, was sich wiederholen könnte sorgen sollte. Ich denke, dass sich die Vergangenheit immer auf natürliche Weise in der Zukunft wiederholen wird. Gestern haben wir in Münster gespielt und es haben vielleicht 200 Leute in das Venue gepasst. Es war zum Brechen voll. Morgen ist eine etwas größere Show in Berlin und nächste Woche spielen wir eine winzige Show in Wien. Es gibt noch Shows, die vergleichbar mit dem sind, was ihr damals gesehen habt. Aber manchmal vermisse ich schon die musikalische Zusammensetzung aus mir und einem Drummer. Aber ich vermisse auch wirklich die Zeit, in der ich Shows mit einem Streicherquartett gespielt habe. Aber ich bin stolz auf das, was ich getan habe und ich bin mir sicher, dass es in der Zukunft Zeiten geben wird, in denen sich das wiederholt.

Jetzt hast du gerade erwähnt, dass du stolz auf das bist, was du erreicht hast. Gibt es im Rückblick auf deine Karriere dennoch Momente, die du bereust oder lieber ändern würdest?
Nein, ich glaube nicht. Ich denke alles, was ich getan habe, auf das ich nicht stolz bin oder für das ich mich schäme, ist ein menschliches Merkmal. Es ist natürlich, Scham zu empfinden oder auf etwas nicht stolz zu sein, aber ich bereue diese Dinge nicht, denn glücklicherweise habe ich daraus gelernt. Ich denke, dass Menschen in ihrem Leben Fehler begehen müssen. Sie sollten nicht immer ihre Fehler bereuen, sondern realisieren, warum sie diese Fehler gemacht haben. Das Leben ist da, um Lektionen erteilt zu bekommen, wie man zu lernen hat, um in der Zukunft besser zu werden, andernfalls kann man nicht wirklich lernen.

Dein Kleidungsstil ist einzigartig und lenkt viel Aufmerksamkeit auf sich. Hast du Vorbilder, die dich bei deinen Outfits inspirieren?
Ja, ich denke, ich wurde enorm von fantastischen Ikonen aus Design und Style beeinflusst. Wenn wir uns zurück erinnern – und das hat jetzt wieder damit zu tun, dass ich mich viel in Museen rumtreibe – dann komme ich auf Marchesa Luisa Casati und weitere Künstler. Leute, die in den 20er Jahren extreme unkonventionelle Exzentriker waren. Vivienne Westwood war für mich seit ich elf war, eine große Quelle der Inspiration. Ich spare, um Teile von Westwood kaufen zu können oder auch Couture von Jean Paul Gaultier, aber auch vieles aus der französischen Modewelt bishin zu all den Performancekünstlern, die in meiner Teenagerzeit Lehrer für mich waren. Ich denke, es sind die Extremisten. Auch in der Musik bin ich irgendwie von Extremisten und Revolutionären geprägt. Es gibt viele, die in der Modewelt und der Kunst ihren Platz haben, die zwar nicht zu sehr gefeiert werden, aber die geheime Inspiration für sehr viele Leute sind. Definitiv Gaultier, Galliano, Westwood, aber auch in der Vergangenheit Klaus Nomi und sogar David Bowie und Björk und all diese Popstars. Ich wurde wahrscheinlich auch von Britney Spears beeinflusst, aber als Junge schlägt sich das anders nieder, so dass es die Leute nicht bemerken.
Wo wir gerade dabei sind, hast du dein Cape zurück bekommen?
Nein… das ist das teuerste Stück, das ich je auf Tour verloren habe. Aber Dinge gehen eben verloren. Ich glaube, wenn du etwas verlierst oder etwas rumliegen lässt, dann nehmen es sich die Leute einfach. Es ist wie beim file sharing. Das ist einfach menschlich und ich kann nichts dagegen tun. Es ist eine Schande, aber ich kann nichts machen, außer zu hoffen, dass meine Designerin Mitleid mit mir hat und mir zu Weihnachten für 2000Pfund ein neues macht, was wohl nicht passieren wird. Wir können uns glücklich schätzen, dass wir das Copyright auf das Design und alle Teile haben, die wir brauchen, um es in der Zukunft wieder zu erschaffen. Aber ja… es ist so teuer…

Bis Dezember stehen für dich weitere Touren an. Hast du außer der Veröffentlichung von „The Conqueror“ und deinen Konzerten Pläne für die Zukunft?
Ja, fast bis Ende Dezember, wir gehen noch nach Japan und Australien! Ich denke, es wird im Januar und Februar eine kleine Akustiktour nur mit mir geben. In der Winterzeit, wenn es an der Zeit ist, in den Winterschlaf zu verfallen und einfach nur etwas klassische akustische Musik zu hören. Es wird wirklich nur mich in kleinen Schauspielhäusern auf der Bühne zu sehen geben. Ich freue mich wirklich sehr darauf, weil es einfach eine gemütliche Sache für die kalte Zeit sein wird.
Hast du das nur für England geplant oder kommst du auch zu uns?
Ich würde es natürlich sehr gerne auch hier fortsetzen und weil nur ich unterwegs sein werde, ist es eine ziemlich leichte Angelegenheit, zu reisen. Ich denke, das wird zu schaffen sein!

Das wäre toll!
Danke, dass wir deine Zeit in Anspruch nehmen durften!

Danke euch vielmals!

Fotos vom Konzert am 30.September im Mousonturm, Frankfurt am Main gibt es hier.

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