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finn. im Interview

Es ist noch nicht einmal ein Monat vergangen, seit finn.s drittes Album das Licht der Welt erblickte und doch kommt es einem vor, als ob die Musik schon immer da gewesen wäre. Die Musik berührt. Da kann es nicht schaden, mit dem Mann hinter dem Projekt ein paar Worte darüber zu verlieren. Im Zuge des Reeperbahnfestivals in Hamburg trafen wir Patrick Zimmer zu einem wirklich charmanten Gespräch über Musik, Emotionen, Gesellschaft und allem, was noch mitschwingt.

Patrick, du hast am Wochenende beim Reeperbahnfestival gespielt.

Patrick: Zweimal sogar, ja.

Und wie kam die Musik deines neuen Albums live an?

Patrick: Am zweiten Abend bedeutend besser als am ersten, fand ich. Ich kann das aber immer schwer einschätzen, ich nehme Applaus auch auf der Bühne immer schlechter wahr, als er eigentlich ist. Ich schwebe da ein wenig in einer Blase. Aber was ja nur positiv ist, es hat immerhin keiner gebuht!

Wie viele Leute stehen eigentlich bei den aktuellen Konzerten immer mit dir auf der Bühne?

Patrick: Im Maximalfall sind wir inklusive mir zu dritt. Aber es gibt verschiedene Besetzungsformen, weil ja auch nicht immer alle können. Und das sind alles studierte Musiker, die man dann auch bezahlen muss und das ist bei manchen Konzerten dann auch einfach nicht drin. Aber wenn alle dabei sind, dann haben wir Viola, Geige, Kontrabass, zwei Percussionisten und eine Posaune. Am Donnerstag beim Reeperbahnfestival-Auftritt hatten wir das auch in dieser Form. Aber es gibt dann wiederum auch Konzerte, die ich alleine spiele, da stehen jetzt bald 40 Termine an.

40?!

Patrick: Ja, durch viele verschiedene Länder, das wird toll. Mit Ólafur Arnalds bin ich ziemlich viel unterwegs und auch mit Under Byen.

Und wenn du alleine auf der Bühne stehst, hast du dann einen Computer mit?

Patrick: Nein, mit Gitarre dann, Akustik.

Wie waren die Reaktionen der Presse zum neuen Album?

Patrick: Zu fast 90% sehr gut, auch in printed Magazinen. Aber im Vergleich zum Album davor gab es auch eine Menge kritischer Meinungen. Bei den beiden Alben davor war sich die Presse immer ziemlich einig, das ist jetzt nicht mehr unbedingt so. Was ich aber auch verstehen kann, ich empfinde es auch als polarisierend. Und ich finde es auch wichtig, dass es diese Stimmen gibt, da es ein sehr kritisches Album ist. Es ist kein hedonistisches Dance-Album, wie man es sonst derzeit oft vorfindet. Ich mein, über eine Band wie Justice kann man eben auch streiten. Viele sagen: ‚Ja, das find ich geil, weil man da super zu tanzen kann.‘ – Und ich sage eben, dass mir sowas zu leer ist. Und genau so gibt es das eben bei mir, dass manch einer sagt, das sei Kunstscheiße. oder wie einer so schön sagte: Kunstgetue. Jede Meinung ist natürlich subjektiv. Ich versuch mich immer ziemlich frei davon zu machen, was andere über meine Musik denken. Ich freue mich natürlich, wenn sich das jemand anhört und die Musik mag, aber wenn ich Musik mache oder Songs schreibe versuche ich mich davon zu befreien, drüber nachzudenken, wie die Außenwelt das wahrnimmt. Ein ganz schöner Vergleich ist dieser: Wenn jemand ein Tagebuch schreibt, interessiert es ihn ja auch nicht, wie jemand anders das findet, was er zu Papier bringt. Das Tagebuch liest im besten Fall dann natürlich niemand, meine Musik hingegen ist öffentlich präsent, aber ich finde den Vergleich passend. Musik machen ist für mich wie Tagebuch schreiben.

Zum Songwritingprozess: Wie schreibst du deine Texte? Mir kommt das immer sehr fragment-artig vor, als ob das viele einzelne Ideen sind, die sich zusammenfügen.

Patrick: Es ist schon sehr kryptisch, ja. Ich versuche immer, Bilder und Gefühle zu beschreiben. Für mich persönlich ist das alles natürlich vollkommen entschlüsselt, aber ich kann mir denken, dass das Außenstehenden schwerfällt. Ich bin kein Freund von Texten à la ‚Ich geh jetzt um die Ecke und mach dies oder jenes.‘ … Ich bin kein Geschichtenerzähler. Aber die Texte sind ja auch nur ein Bestandteil. Hinzu kommt ja auch die Wahl der Sprache und das war für mich eigentlich immer eindeutig, da Englisch eine Sprache ist, die ich annähernd gut kann und die auch wunderschön klingt. Ich kann es aber ebenso gut nachvollziehen, was zum Beispiel Sigur Rós gemacht hat – Ich glaube, es war beim zweiten oder dritten Album – einfach Laute zu nehmen, sich eine Fantasiesprache zu entwickeln. Musik an sich ist eben schon eine Kommunikationsform. Und Text kann dazu dienen, das, was man ausdrücken will, zu unterstreichen. Natürlich ist es irgendwie schon 50/50 zu werten, aber mir persönlich gibt Klang mehr als Text. Ich bin einfach nicht so der beste Schreiber.

Setzt du dich, wenn du einen Song machst, bewusst hin und fängst an zu schreiben?

Patrick: Ich schreibe eine Gitarrenlinie zuerst und singe dann drüber. Und da entstehen dann schon meist die wichtigsten Phrasen, um welche herum sich dann diese kryptische Geschichte aufbaut. Und da entstehen dann manchmal auch Sätze, die einfach keinen Sinn ergeben, oder Parts, die nur aus Lauten bestehen, da das für mich eben nicht primär wichtig ist. Das Gefühl steckt eben in den Melodien. Deswegen gibt es ja auch immer wieder solche Phänomene wie den Erfolg von Blumfeld in England. Die hatten dort mit dem ersten Album Erfolg, speziell mit dem Song ‚Verstärker‘, der war da ein richtiger Hit. Die verstehen davon nicht wirklich viel, aber sie spüren, was er meint. Und auch an mir merke ich das. Ich finde Sigur Rós wirklich toll, habe mich aber mit seinen Texten noch nicht einmal auseinandergesetzt, ich habe keinen Schimmer, wovon er singt.

Ich weiß aber auch noch nichtmal, was der Albumtitel bedeutet.

Patrick: ‚Gobbledigook‘ oder sowas, ja. Aber es ist so: Ich weiß genug über diese Band, so dass ich nicht Gefahr laufen muss, dass es irgendwie politisch verwerflich ist, was da gesungen wird. Natürlich gibt es auch andere Fälle. Es gibt Musiker, bei denen Texte eine viel viel größere Rolle spielen. Aber für mich ist das eben nicht das Kriterium, nach welchem ich Musik auswähle. Ich höre auch gerne Instrumentalmusik, Klassik oder Jazz.

Dein neues Album heißt „Best Low – Priced Heartbreakers You Can Own“. Darf man das kapitalismuskritisch auffassen?

Patrick: Das auf jeden Fall, ja. Und es ist auch eine Kritik an dieser ganzen Industrialisierung, auf die Vermarktung, auf die Produktbezogenheit und auf das Komsumverhalten, ganz klar. Es bezieht sich auf diese Marktstrategien. Der Ursprung der Industrialisierung hat sich verselbstständigt. Es war ja eigentlich so gedacht, den Menschen Produkte zu liefern, die ihr Leben lebenswerter machen. Und das hat sich umgewandelt: Wir konsumieren nun das, was uns die Industrie vorlebt. Welcher Mensch braucht ein iPhone 2, wenn er bereits das iPhone 1 hat…? Wer sagt uns das? Und es ist natürlich auch so, dass jeder das beste Produkt der Welt zu bieten hat, selbstverständlich zu den preisgünstigsten Konditionen überhaupt. Und im Albumtitel konnte man das natürlich perfekt auf die Situation des Musikmarktes übertragen. Mit einem Augenzwinkern versehen, versteht sich. Die besten preisgünstigen Herzensbrecher, die man besitzen kann. Fehlt eigentlich nur noch ein ‚auf diesem Planeten‘ oder so dahinter. Und es bezieht sich darauf, wie sehr Musik sich heutzutage schon vermarktet. Wie viele Musiker geben ihre Seele auf für Jägermeister oder Vodafone. Wie kann man seien Musik für ein paar Kröten mehr nur so hergeben. Das wäre ja genau so, als würde ich meine Freundin verkaufen. Das ist doch das Wichtigste in meinem Leben, das geb ich doch nicht für Geld her, oder für Alkohol, für Bier. Gleichzeitig ist das auch eine Kritik am Musikjournalismus. Die neue heiße Band ist nur so lange die neue heiße Band, bis eine neuere heiße Band kommt und das nimmt so seinen Lauf.

Also interessiert dich neuere Musik gar nicht so sehr?

Patrick: Doch, sehr, aber es gibt so unfassbar wenig, was ich davon interessant finde. Oder anders gesagt: In den letzten vier Jahren gab es kaum noch Musik, die mich berührt hat. Es sind viele Platten dabei, die handwerklich und kompositorisch perfekt gemacht sind, aber das reicht nicht. Ich vermisse ein wenig den Charme der 90er Jahre, wo einfach noch Musik gemacht wurde und man nicht darauf aus war, ein technisch perfektes Produkt abzuliefern. Ich will jetzt nicht sagen, dass ich ein LoFi-Fanatiker wäre, aber diese Art natürlicher und authentischer Aufnahmen vermisse ich schon ein bisschen. Heutzutage ist es ja möglich, mit einem einfachen Macbook und einem einigermaßen guten Mikrofon technisch so ausgereifte Musik aufzunehmen, die vor 10 Jahren noch High-End-Studio-Standart war. Schalltote Studioräume klingen dann eben auch wie schalltote Studioräume. Ich will aber gerade, dass es räumlich klingt.

Das passt ja auch zu deinem neuen Album. Du hast das in dem Kellergewölbe einer alten Kirche aufgenommen. War das von vornherein klar, dass du das so machen willst?

Patrick: Das war so… Kennst du die Bar Zoes? Oder kennst du den Film ‚Gegen Die Wand‘? Die Bar-Szenen des Films wurden darin gedreht. Oder auch ‚Absolute Giganten‘, die Kickerszenen wurden da gedreht, sogar direkt in dem Kellergewölbe, in dem wir das aufgenommen haben. Und der Besitzer dieser Kette hatte mich gebeten, dort in diesem Keller mal live zu spielen, also hatte ich das gemacht. Und es war so, dass der Termin zum Aufnehmen der Platte genau zwei Tage später war und ich noch nicht so genau wusste, wo ich denn überhaupt aufnehmen kann. Und dann hat das dort so gut gepasst, dass wir das gemacht haben, also war es eher Zufall als geplant.

Aber das Bild vom Aufnahmeort passt sehr gut zur Musik.

Patrick: Das auf jeden Fall. Die Umgebung hat das auch beeinflusst. Die Lieder gab es zu Beginn ja nur in Gesang – und Akustikgitarre – Version, wie ich mir das eben ausgemalt hatte und aufgrund der Räumlichkeiten hat sich das dann in die Richtung entwickelt, wie wir es jetzt haben.

Aber wie kam es denn dazu, dass du komplett auf elektronische Instrumentierung verzichtet hast? Das war ja beim Album davor doch noch der Hauptbestandteil.

Patrick: Zum einen Teil ist das eine Verweigerungshaltung, da elektronische Musik sich derzeit fast nur noch auf der Eben des Spaßfaktors bewegt. Und es hat sich für mich inzwischen auch einfach schon sehr abgenutzt. Das, was ich vor 7 Jahren angefangen hab, zu machen, also Akustikgitarre und Drumcomputer, das ist ein Thema, das für mich irgendwie durch ist, da es auch so beliebig geworden ist. Es gab für mich da nichts mehr zu finden, in dem Programmieren von Beats. Das ist, als hätte man eine Geige zu oft gehört, ich bin dem einfach überdrüssig, es reizt mich überhaupt nicht. Hinzu kommt, dass ich privat elektronische Musik so gut wie gar nicht höre. Ich find sie sehr interessant, da man da so viel mit rumexperimentieren kann, aber… ich will einfach wieder viel mehr zurück zum ‚musizieren‘ im eigentlichen Sinn. ich will Musik, die ich an jeder Straßenecke ohne Verstärker genau so darbieten kann. Die Einstellung kann sich natürlich auch wieder ändern, aber derzeit führt mich der Weg sehr zum Handgemachten und Natürlichen.

Hast du eigentlich vom Album eine Single ausgekoppelt, oder willst du dich dem eher verschließen?

Patrick: Das lohnt sich in der Kategorie, in der ich arbeite, gar nicht. Also, wenn ich sowas machen würde, dann nur, damit ich davon dann auch eine 7″ davon hab. Es ist eben anders. Normalerweise dient so eine Auskopplung ja als Advertiser, damit sich die Platte danach dann gut verkauft, aber sowas interessiert mich nicht. Wenn ich von einer Platte Viele verkaufe, dann freu ich mich natürlich auch, aber im Vordergrund steht das nicht. Deswegen führe ich vielleicht auch dieses Parallelleben als Student, weil ich mich von meiner Musik nicht abhängig machen will und mich dann, weil ich meine Miete nicht bezahlen kann, von Jägermeister sponsoren lassen muss!

Aber Videos zu Songs hab ich im Internet schon gesehen. Das war dann aber Single – unabhängig?

Patrick: Ja, bisher sind zwei von siebzehn gedreht. Wir wollen zu jedem Song der Platte so eines machen. Und das bezieht sich auf das Ende des 19. Jahrhunderts, wo viele Künstler sich trafen, um Gemälde nachzustellen. Und so sind diese Videos eben auch erdacht, daher sind die so unbewegt, sie stellen lebendige Gemälde dar.

Die waren ja bisher auch alle schwarz/weiß, was sehr schön ist. Wirst du das auch so weiter machen?

Patrick: finn. wird bis ich das Zeitliche segne immer diese Figur auf dem Cover haben und schwarz/weiß bleiben. Selbst, wenn es mich in 15 Jahren total anöden würde, das Konzept ist mir total wichtig. Es gibt ja auch so viele Möglichkeiten, mit schwarz/weiß zu arbeiten. Von Mustern über Materialien bis hin zu Oberflächenstrukturen, das kann man alles gar nicht ausschöpfen.

Wo du schon die Figur auf dem Cover ansprichst: Malst du das immer selbst?

Patrick: Ja! Ich zeichne aber sonst kaum, nicht regelmäßig, eigentlich nur diese Cover. Weil ich es einfach auch unglaublich schlecht kann. Wenn ich ein Talent nicht habe, dann ist es zeichnen – Das einzige, was ich kann, sind finn.-Köpfe. Und da bin ich auch zu 1000% zufrieden mit, aber alles andere können Freunde oder so dann doch besser. Das können ja sogar Kinder besser, so zufriedenstellend sind meine Zeichnungen nicht. Man muss ja aber auch nicht alles machen!

Danke für das Interview!

Patrick: Danke!

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