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Haldern Pop Festival 2011 | 11. – 13.08.2011 | Haldern

Auch wenn es für manche Menschen, die noch nie beim Haldern Pop Festival waren, unverständlich erscheint, aber wenn man dann endlich mit dem Wagen in die Straße zum Alten Reitplatz einbiegt und von den legendären und oft fotografierten selbstgemalten Schildern am Straßenrand begrüßt wird, ist es wie das Ankommen an einem heimischen Ort. Man kennt das Panorama, man kennt die Gerüche, man fühlt sich ebenso wie das Wort schon beschreibt: heimisch. Der Stress der letzten Tage wird immer blasser und man weiß genau, worauf man sich die nächsten Tage einlässt. Musik und Niederrhein – eine ideale Kombination.

Ich weiß wirklich immer noch nicht, ob zuerst die Wirklichkeit da war oder die Fantasie und dann die Wirklichkeit. Dat muß ich demnächst mal den lieben Gott fragen, wenn wer uns wieder in Dinslaken treffen. Als eines Tages nämlich die Wirklichkeit nicht konnte, weil se krank war, da fing ich an zu träumen. So muß dat wohl gewesen sein. Ich weißet nicht mehr so genau, aber das war der Augenblick, wo se alle immer sagten: "Träumst Du wieder?" Ich muß nämlich ganz weit weg gewesen sein, obwohl ich am Niederrhein auf dem Fußboden saß, weil ich ja noch so klein war und vom Träumen noch gar keine Ahnung hatte. Ich wußte nur, daß ich gern träumte, einmal Niederrhein und zurück. Ich war immer unterwegs, obwohl ich zu Haus auf dem Teppich saß und die Erwachsenen immer sagten: "De Jung ist wieder am träumen. Wovon hatt de dat bloß?"
(Hanns Dieter Hüsch – Mein Traum vom Niederrhein)

DONNERSTAG

Bereits im Vorfeld des Festivals wurde verkündet, dass man versuchen will, den ersten Tag des Festivals und den damit verbundenen Ansturm auf das Spiegelzelt abzufangen, indem man sowohl zur gleichen Zeit die Haldern Pop Bar, als auch die St. Georg-Kirche in Haldern für einige Auftritte an diesem Abend öffnen will. Eigentlich eine gute Idee, aber wie die Praxis zeigte, war die Resonanz für die drei Konzerte in der Dorfkirche so groß, dass auch dort nicht alle interessierten Zuschauer Platz finden konnten und ebenso beim Spiegelzelt bot sich bereits relativ früh das beinahe schon traditionell gewordene Bild der langen Warteschlange. Eine Enttäuschung für viele Besucher, denn gerade der Donnerstag trumpft doch immer mit kleinen ungeschliffenen Diamenten im Programm auf. Gerade hier hat im letzten Jahr David Ford so überraschend gut zum Auftakt aufgespielt, dass es eventuell der Beginn einer Serie werden könnte.

RETRO STEFSON sehen wir jetzt einfach einmal als Vorband an, die nicht gezählt werden muss, sodass BEN HOWARD den Anfang dieses Wochenendes macht und vollends überzeugt. Ein wenig erinnert seine Gitarrenkunst an John Butler, einzig und allein in dem Unterschied, dass sich bei Ben Howard so viel anstaut, die herausgelassen werden will. Die Kunst mit einer einfachen Akustik-Gitarre und Cello und Schlagzeug im Rücken Städte einreißen zu können. Ansteckend und gleichzeitig beeindruckend. Die Serie beginnt … Ein kurzes Bier später und YUCK nehmen die Bühne ein. NMEs Liebling oder so. In diesem Noise Rock-Wirrwarr stecken vielleicht für andere große Lieder, doch ich bleibe leider verwirrt zurück, wie auch bei der darauffolgenden JULIA MARCELL. Die Aufnahmen, die man im Vorfeld gehört hat, klangen vielversprechend, doch bei diesem Auftritt wirkt es ein wenig, als ob sie in die Fußstapfen von Esben and the Witch treten will, ihr dafür jedoch einfach die Mittel und vielleicht das Können fehlen, um in diesen Sphären zu überzeugen. Ein Schritt zu weit nach vorne.

Da sind THE AVETT BROTHERS die richtige Band, um wieder auf den Boden zurückgeholt zu werden. Erdung in Form von Folk-Rock mit einem Hauch von Country. Da werden zwar nicht unbedingt alte Bluegrass-Geister beschworen, aber es macht Spaß zuzuhören. Wie auch bei ANNA CALVI, die überraschender Weise im Spiegelzelt spielt, was zwar dem Auftritt die entsprechende Intimität verleiht, aber bei ihrem momentanen Erfolg sicherlich einige Zuschauer mehr in den Genuss ihrer musikalischen Künste gekommen wäre. Leider hängt man bereits hier dem Zeitplan hinterher, sodass der Plan das BRANDT BRAUER FRICK ENSEMBLE zu sehen, verworfen werden muss. Morgen ist ein längerer Tag, bei dem man keine Müdigkeit aufkommen lassen darf.

Das Fazit zum Donnerstag: Überraschungen sind etwas feines, doch auch in diesem Jahr darf wieder kritisiert werden, dass die Auftritte im Spiegelzelt am Donnerstag im elitären Rahmen stattfanden, nämlich nur für die, die auch reingekommen sind. Natürlich lässt die kleine Kapazität des Spiegeltent von nur knapp 800 Zuschauern nichts anderes zu, aber der Unmut wird in jedem Jahr lauter und trotz der Hinzunahme der Haldern Pop Bar und der St. Georg Kirche als Lokalitäten für den Donnerstag, bleibt wohl als einzige Lösung nur die Öffnung der Hauptbühne für wenigstens zwei oder drei Bands oder die Besänftigung mit neuen Imbissbuden, bei denen man auch etwas für sein Geld bekommt.

FREITAG

Nachdem Republik der Heiserkeit sowohl in der Presse als auch im heimischen Plattenspieler großen Anklang und frequentierte Präsenz fand, liegt es nahe, den Freitag schon um 14 Uhr mit 206 zu beginnen. Während auf dem Zeltplatz die ersten Würstchen für das Mittagessen gegrillt werden, ist dies die ideale Zeit, um angenehme und gelassene Spiegelzeltluft zu schnuppern, denn Wartezeiten sind um diese Tageszeit wirklich kein Problem. Bestes Festivalwetter (Bewölkt, 20°C, noch (!) kein Regen) lässt zudem die Temperaturen nicht in die Höhe schnellen und wird zur idealen Voraussetzung, in der die Band aus Halle an der Saale in feinster alter Hamburger Schule-Manier auftrumpfen kann. Soviel Punk in deutschen Texten war lange nicht mehr und zwar ist der Rahmen in Haldern nicht der Beste, aber er lässt wenigstens ansatzweise vermuten, wozu diese Band fähig sein könnte, wenn sie es nur wollen würden und der Anlass stimmt.

Hier wird die gelungene Abwechslung zu den ruhigen Klängen der letzten beiden Jahre deutlich und mit BODI BILL im direkten Anschluss noch einmal dick mit Leuchtstäben unterstrichen. Der heiße Shit aus Berlin, oder wie man das heutzutage sagt. Das positive zuerst: Es ist angenehm und sehr lobenswert, dass das Haldern Pop Festival sich genre-technisch breiter streut und dieses Jahr vor allem mit Bands überrascht, die sehr elektronisch angehaucht aufspielen. Dass Bodi Bill sicherlich eine gute Band sind, zur der man in Kreuzberg nachts um halb 3 tanzen kann, steht auch außer Frage, doch Nachmittags um 15 Uhr macht das noch keinen Sinn. Ein bisschen zu „arty“, ein bisschen zu sehr Kunstprojekt. Dann doch lieber abwarten und kurz danach JOHNNY FLYNN genießen, den einige wahrscheinlich bereits bei der letzten Tournee der Mumford & Sons als Support kennen und lieben gelernt haben, aber hier noch einmal beweist, was für ein sympathischer Singer-/Songwriter-Genosse er doch ist.

Da ist es dann doch irgendwie eine Überraschung, dass gerade GISBERT ZU KNPYHAUSENs Auftritt ein wenig müde und schlapp daherkommt. Vor vier Jahren habe ich mich gegen ihn im Spiegelzelt und für Kate Nash auf der Hauptbühne entschieden und dies bisher immer bereut, weil es ein wahnsinniger Auftritt des Liedermachers war, wie die Videos von haldern-pop.tv beweisen. Ein wenig hatte ich gehofft, dass sich solch ein magischer Moment in diesem Jahr wiederholt, doch daraus wurde nichts. Erschöpft von einer langen Autofahrt spielen sich Gisbert und seine Band durch die Setlist und sind merklich selbst nicht zufrieden. Schade, aber es sei ihnen verziehen, denn die darauffolgenden MISS LI geben mir nach vier Jahren endlich den Auftritt, den mir die der oben angesprochene Kate Nash ewig schuldig bleiben wird: Voller Energie und Spielfreude präsentieren die Schweden sich und stecken jeden an. Trotz zwei (!) kompletter Ausfälle des Sounds wird einfach weitergemacht. Linda Carlsson behält ihr Lächeln im Gesicht, wirbelt über die Bühne und lässt sich nichts anmerken. Große Kunst und das ideale Beispiel wie Pop sein sollte.

Natürlich sind die darauffolgenden OKKERVIL RIVER eine größere Nummer. Sowohl vom Bekanntheitsgrad als auch von der Musik, doch irgendwie wirken Miss Li noch ein wenig nach. Das neue Album wurde noch nicht ganz für mich entdeckt und so ist man dann ein wenig distanziert und der Funke will nicht überspringen, eine Befürchtung, die schon im Vorfeld bestand. Auch dass THE WOMBATS mit ihren Indie-Britpop-Club-Hits das Publikum zum Tanzen und Springen bringen würden, stand von vornerein fest. Eine große Überraschung ist es dann nicht, dass genau dieses Programm abgefahren wird. „Let’s Dance To Joy Division„, „Moving To New York“ oder „Tokyo (Vampires & Wolves)„. Man kennt es, man mag es irgendwie und man tanzt dazu. Vielleicht doch irgendwie das geeignete Programm für den späten Abend, um noch einmal letzte Energien wachzurütteln, denn jetzt folgt erst einmal eine lange Umbaupause, in der JOSH T. PEARSON die Zeit überbrücken soll, der noch am Mittag in der Haldern Pop genossen werden konnte. Ein wenig fühlt man sich an William Fitzsimmons erinnert und notiert sich den Namen für eine vollständige Entdeckung in den heimischen Gefilden, denn hier auf der Hauptbühne geht die Magie leider ein wenig verloren.

Was danach folgt ist genau der Grund, wieso man sich in das Haldern Pop Festival einfach nur verlieben kann: Während einer Zugfahrt lernt Veranstalter Stefan Reichmann den Musiker Tim Isfort kennen und lädt ihn und sein TIM ISFORT ORCHESTER aus Duisburg kurzerhand zum Festival ein. Doch weil das alleine nicht reicht, wird dann auch der leider noch viel zu unbekannte Sänger JOHN GRANT angefragt und eine in dieser Form einzigarte und bisher nicht dagewesene Kollaboration war geboren. Dass man dann zwar insgesamt 1 1/2 Stunden auf den Auftritt warten muss, ist anfangs noch ein wenig zermürbend, aber komplett vergessen, sobald John Grant an das Mikrofon tritt und mit dem Orchester im Rücken in voller Größe auftrumpfen kann. Ein Stück wie „I Wanna Go To Marz“ löst dabei mehr als nur Gänsehaut aus und lässt einen noch einmal mit dem Unverständnis zurück, wieso Herr Grant bisher nicht wesentlich mehr Erfolg hatte. Das muss und wird sich ändern, denn wer solche Zeilen schreibt, hat nichts anderes verdient: „You put me in this cage and threw away the key / It was this 'us and them' shit that did me in / You tell me that my life is based upon a lie / I casually mention that I pissed in your coffee / I hope you know that all I want from you is sex / To be with someone that looks smashing in athletic wear / And if your haircut isn't right you'll be dismissed / Get your walking papers and you can leave now

Fazit zum Freitag: Miss Li ist die bessere Kate Nash und John Grant sollte eine Platte mit dem Tim Isfort Orchester aufnehmen. Alles andere macht keinen Sinn.

SAMSTAG

Letzter Tag in Haldern, der Tag des Regens. Was sich gestern bereits durch kleinere leichte Schauer angedeutet hat, wird heute den ganzen Festivaltag durchziehen. Die letzten drei Jahre ist es gut gegangen – wenn man von dem kleinen und kurzen Monsun bei Foals 2008 absieht – doch heute präsentiert sich der Niederrhein von seiner nassen Seite. Für Beschwerden ist jedoch keine Zeit, denn man will schließlich wissen, wie sich der Post-Dubstep-Shootingstar JAMES BLAKE auf der Hauptbühne schlägt. Dass dies musikalisch wertvoll ist, bleibt außer Frage, doch leider ist dies für den späten Nachmittag keine geeignete Wahl. Keine Funken, die überspringen wollen, stattdessen geneigtes Genießen am Rand. Mal wieder so ein Künstler, bei dem man nicht genau weiß, ob ein Auftritt im Spiegelzelt nicht die bessere Wahl gewesen wäre. Es lässt sich nicht ändern und kommt wie gestern Josh T. Pearson auf die Liste der noch zu entdeckenden Künstler.

LABRASSBANDA hingegen müssen nicht mehr entdeckt werden. Im Süden des Landes, auch Bayern genannt, sind sie schließlich wahre Lokalhelden, die selbst den Zirkus Krone füllen. In feinstem bayerischen Dialekt werden hier Sympathien geweckt und mit dieser Mischung aus Blasmusik, Rock, Techno und Reggae in einer Art und Weise aufgespielt, dass man LaBrassBanda auch ohne Probleme die Seeed des Südens nennen könnte. Einen Dank an das Haldern Pop Festival für das Experiment eine Gruppe Bayern mit Blasinstrumenten auf die Hauptbühne zu stellen, die Kapellen wie Fettes Brot oder Jan Delay aus den Vorjahren locker in den Schatten gestellt haben. Da verwundert es nicht, dass selbst im strömenden Regen kein Zuschauer seinem Platz vor der Bühne weichen will und das von oben kommende Nass einfach weggetanzt wird. Und wenn dann die Herren auch einfach ihre Instrumente packen und eine Tour durch das Publikum über den kompletten Reitplatz machen, sollten eigentlich ebenso die Zweifler überzeugt sein, dass man bei einem Festival auch eben solche Bands braucht.

Die Frage, ob man WIR SIND HELDEN unbedingt braucht, lasse ich einfach mal dahingestellt, denn ein Song wie „Denkmal“ ist und bleibt auch weiterhin noch ein großes Stück deutschsprachige Musik. Die einstige sympathische Ader hat Frau Holofernes jedoch anscheinend im Laufe der Jahre verloren. Schade drum. Mitgesungen werden darf trotzdem. Da ärgert man sich ein wenig, dass man sich nicht doch lieber HAUSCHKA im Spiegelzelt angesehen hat, denn was man von ihm auf der Videoleinwand im Biergarten mitbekommt, hat Potential.

Letztes Jahr noch im Spiegelzelt, dieses Jahr auf der Hauptbühne: THE LOW ANTHEM kommen die gleiche Ehre zu Teil wie ein Jahr zuvor Mumford & Sons, doch im Gegensatz zu diesen Herren bleibt der Auftritt der Band aus Rhode Island eher verhalten. Die Magie fehlt, wie in den letzten Tagen an einigen Stellen bemerkbar war. Das vergessen wir also lieber ganz schnell und eilen noch rechtzeitig ins Spiegelzelt, um die Mädels von WARPAINT zu bewundern. Man darf mich an dieser Stelle dafür tadeln, dass ich mich bisher ein wenig vor dieser Band gedrückt habe. Vielleicht aber auch zu Recht, denn sonst hätte mich dieser Auftritt nicht so begeistern können. Zwischen Post-, Psychedelic-, Noise-Rock wird das Publikum hier in eine Ekstase gespielt, sodass unverständlich scheint, wieso einige Zuschauer das Zelt verlassen, um lieber Fleet Foxes auf der Hauptbühne zu sehen. Aber sollen sie doch, der Rest hat seinen Spaß und ich bin verliebt. Mit LaBrassBanda vielleicht eine der größten Überraschungen des Festivals. Dass der gleichzeitig stattfindende Auftritt der FLEET FOXES großartig gewesen sein soll, haben mir bereits einige berichtet, doch ich habe ihn nur ein wenig am Rande erlebt. Mich komplett in der Musik verloren habe ich mich schließlich bereits einige Minuten zu vor und das muss erst noch nachwirken.

SUUNS zeigen daraufhin im Spiegelzelt wie düster eine Mischung aus Post-Punk, Synthie-Pop und Indie klingen kann. ARTE nennt sie die „Dancefloor-Version von Radioheads Kid A“ und das ist irgendwie passend. Man wartet nur noch auf die Grinsekatze, die auf einmal auf einem Gitarrenverstärker erscheint. Leider reicht die Zeit nicht für den ganzen Auftritt, denn EXPLOSIONS IN THE SKY schließen das Programm auf der Hauptbühne ab und beweisen, dass für die Kunst Geschichten zu erzählen keineswegs Worte von Nöten sind. Der perfekte instrumentale Abschluss eines abwechslungsreichen Wochenendes mit dem finalen Fazit, dass solch eine Auswahl an unterschiedlichen Künstlern nur hier funktionieren kann, ohne dabei einen besonderen Anspruch in Richtung Kunst oder aufgesetzten Stil haben zu wollen.

Es war wie immer eine Freude und es wird auch nächstes Jahr wieder eine Freude werden. Und an dieser Stelle weiß man, dass eine Textzeile wie „Es wird immer dasselbe sein“ von Locas In Love nicht immer etwas Negatives bedeuten muss. Man sieht sich im nächsten Jahr, Haldern Pop und wie immer Danke für alles.

Zu den Fotos des 28. Haldern Pop Festivals

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