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Im Gespräch mit Faber

Es ist ein Dienstagabend im Februar, 12 Grad Minus, die S-Bahn legt wegen einer Schneeflocke die Kufen hoch. Schienenersatzverkehr macht müde. Berlin friert. Ich auch. Es war ein langer Tag. Trotzdem freue ich mich auf den Abend. So sehr! Faber spielt heute mit seiner Band ein Konzert im Huxleys. Und wir sind verabredet.

Jonas, der Tourmanager, holt mich am Hintereingang des Huxleys ab. Man hört seiner Stimme einen dezenten Schweizer Dialekt an, wie ein unerwarteter Hauch von Birne in einem trockenen Weißwein. Ich überlege kurz, ob ich nicht ihn interviewen sollte. Sicher hätte er auch einiges zu erzählen. Jonas bringt mich durch das Labyrinth im Backstage zu Fabers Garderobe.

Faber, eigentlich Julian Pollina, begrüßt mich freundlich und fragt mich, ob ich gut hergekommen sei. Ich muss etwas schmunzeln, schließlich ist er doch der Gast in meiner Stadt. „Und du so?“ frage ich. Er lacht und meint, dass es manchmal leichter ist von irgendwo außerhalb nach Berlin reinzukommen, als innerhalb von Berlin von Wedding nach Wedding zu fahren. Sie sind ja öfter da.

Wir setzen uns auf die Couch, ich lege mein Aufnahmegerät neben mich. Julian rutscht näher ran. Das finde ich gut.

mainstage: Du hast gerade den Swiss Music Award gewonnen. Darf man noch gratulieren?

Faber: Ja klar. Danke. Ich hab´s schon fast wieder vergessen.

mainstage: Ist die Schweiz ein gutes Land, um eine Musikerkarriere zu starten?

Faber(lacht): Nein.

mainstage: Warum nicht?

Faber: In der Schweiz selber sind ganz wenige Leute, so 7,8 Millionen, die sich aber auch noch auf verschiedene Sprachen verteilen. Wenn du nicht gerade Englisch singst, erreichst du nur einen sehr kleinen Teil. Und wenn du Schweizerdeutsch singst, dann sind das nur 4,5 Millionen Leute, die das potentiell hören könnten. Wenn du nach Deutschland gehst, um dein Geld zu verdienen, das aber in der Schweiz ausgibst, dann bist du ein Wirtschaftswunder. Wir sind ja nicht in der EU, in Zürich ist alles doppelt so teuer wie in Berlin. Das ist echt schrecklich.

mainstage: Gibt es denn in der Schweiz so Musikhochburgen, wie in Deutschland Berlin oder Hamburg? Vielleicht Zürich?

Faber: Zürich auf jeden Fall nicht. Was Popmusik angeht am ehesten noch Bern. Und es gibt da noch eine Stadt, Baden, die ist 15 Minuten Zugfahrt von Zürich weg. Die haben nur um die 20.000 Einwohner und da gibt es wirklich viele gute Bands.

mainstage: Welche zum Beispiel? Hast du eine Empfehlung?

Faber: One Sentence Supervisor, die machen so Rock mit hymnischen Melodien. Das ist schwer zu beschreiben, hör da mal rein. Und dann gibt’s da noch Frank Powers, der auch mit uns auf Tour war. Das ist ein krass guter Sänger. Oder Ellas. Die kommen aus Brugg, das hat so 10.000 Einwohner und liegt gleich daneben. Da in der Gegend gibt es auch ein Festival, das One of a Million Musikfestival, was sehr gut ist.

mainstage: In deinen Liedern klingt, bei aller Liebe zu deinem Land, immer wieder Kritik durch. Ob nun in „Züri“:“Zürich brennt nicht mehr/Zürich kauft jetzt ein“ oder auch in „Widerstand“: Verwirf jegliche Moral /Dein Name soll für Reichtum stehen/ […]/Widersteh dem Widerstand/Mach´s genau wie unser Land. Stört dich die neutrale oder unpolitische Haltung der Schweiz manchmal?

Faber: Ja, ich finde, das ist keine elegante Eigenschaft. Das hat aber nichts mit Neutralität zu tun. Auch als neutrales Land sollte man sich zu Sachen äußern. Ich glaub, die Politik ist nicht besonders stark in der Schweiz, sie wird schon sehr von der Wirtschaft beeinflusst. Wie eigentlich in jedem Land. Vielleicht in der Schweiz ein bisschen krasser.

mainstage: Hat deine Dankesrede beim Swiss Music Awards, in der du dich ja ziemlich kritisch sowohl an die Medien, als auch an die Politik wendest, in der Schweiz hohe Wellen geschlagen?

Faber: Nein, eigentlich nicht. Aber ich hab auch viele positive Rückmeldungen bekommen. Klar gibt´s auch Leute, die das nicht toll finden, was ich da gesagt habe. Aber ich bin auch gar nicht so in diesen Kreisen drin und kenne da niemanden. Das ist halt so ein aufgesetztes Ding, der Swiss Music Awards. Aber so krass Wellen schlägt das nun auch nicht. Außerdem gibt’s da einen 18jährigen, der vier Preise abgeräumt hat, da dreht sich alles mehr um ihn.

(Anm.d.Red: Die ungekürzte Version seiner Rede beim Swiss Music Awards ist in Deutschland nur noch auf Fabers Facebook-Seite abrufbar. Wer Lust hat, kann da mal vorbeischauen.)

mainstage: Ich hab mal ein bisschen in deine älteren Songs reingehört. Es gibt ein Lied, das „Genug“ heißt, da gibt es eine Songzeile, die ich sehr sympathisch finde, da heißt es: „Ich will kein Stück vom Kuchen/ Ich will die ganze Bäckerei/ Genug ist nicht genug für mich“. Und jetzt gibt auf deinem aktuellen Album Sei ein Faber im Wind das Lied „Nichts“, in dem es heißt: Genug war nie genug für mich/ Jetzt ist mir nichts schon viel zu viel.

Was ist zwischen den beiden Liedern passiert, dass sich deine Meinung so geändert hat?

Faber: Ich fand es einfach eine hübsche Idee ein Gegenstück zu dem ersten Lied zu machen. Aber ich bin immer noch der vom ersten Lied, der nicht genug bekommt. Ein Nimmersatt.

mainstage: Es gibt noch gar nichts, was dich am Musikbusiness nervt?

Faber: Doch schon. Aber das heißt nicht, dass das dann alles blöd ist. Manche Sachen gehören halt dazu.

mainstage: Zum Beispiel?

Faber: Zum Beispiel…ein Konzert in Berlin zu spielen.

mainstage: Echt? Magst du Berlin nicht?

Faber:  Ich mag Berlin schon. Aber hier sitzt die ganze Musikbranche und der Tag ist vollgestopft mit Terminen. Das Publikum ist übersättigt, was ja auch ganz normal ist,weil es ein Überangebot an Konzerten gibt. Wenn wir dagegen zum Beispiel in Cottbus spielen, dann ist das da die ganz große Aktion.

mainstage: Da kommt ja auch sonst niemand hin. (Sorry Cottbus…)

Faber: Genau. Da ist das was Besonderes und die Leute feiern das. Ich spiel schon auch gerne in Berlin. Auf das Konzert selbst freue ich mich, aber nach der Show sind im Backstage Hundertzwanzigtausend Leute und die kennst dann doch keinen. Da ist Berlin sehr so…faced by business.

mainstage: Heute spielen Neufundland als Support. Sucht ihr euch die Vorbands immer selber aus oder macht das auch mal die Plattenfirma? Wieviel Entscheidung liegt bei dir?

Faber: Die Plattenfirma eh nicht so, wenn überhaupt dann das Booking. Aber das mit den Entscheidungen stellt man sich, glaub ich, auch immer ein bisschen falsch vor. Die Entscheidung treffe ich. Und fertig. Aber natürlich kommt man auf mich zu und sagt: Hier, hör dir das mal an, wäre das nicht was für euch? Bisher hatten wir eigentlich nur beste Freunde dabei. Meine Schwester ist mega oft dabei, letztes Jahr waren Frutti Di Mare, 3 Freunde von uns mit dabei, ich glaube die waren letztes Jahr auch hier in Berlin…?

mainstage: …ich war letztes Jahr nicht beim Berlin-Konzert. Ich war in Leipzig.

Faber(lacht): Ja, da waren es wirklich meine engsten Freunde. Diese Mexikaner-Band, das sind einfach Freunde von mir, die zusammen Musik machen. Das war sehr sehr sehr von mir selbst entschieden! Und bei Neufundland ist es so, dass wir sie kennen und mögen, aber das sind jetzt nicht ewig alte Freunde. Die wurden uns empfohlen und wir finden die Musik voll gut und deshalb spielen sie heute hier.

mainstage: Wenn deine Schwester (Steiner&Madlaina) mit dir unterwegs ist, gibst da auch schon mal diese typische Geschwisterstreitigkeiten, die ja jeder kennt?

Faber: Nein, überhaupt nicht. Wir verstehen uns sehr gut. Und es ist schön, wenn sie dabei ist.

mainstage: Beim Konzert in Leipzig war ja eine unglaublich ausgelassene Partystimmung. Was toll war! Was mir aber aufgefallen ist, ist dass das Publikum mitunter eine seltsame Eigendynamik entwickelt. Da wird an Stellen begeistert mitgesungen, die eigentlich gar nicht zum Mitsingen geeignet sind. Es gibt ja Songs, da brennen Autos oder Boote versinken im Mittelmeer. Und ich finde es auch immer noch befremdlich, wenn  Hunderte von Leuten, darunter viele sehr junge Mädchen, begeistert sowas wie „Ich hab dich geliebt, Tausend Franken lang“ oder so etwas wie „Du Nutte!“ rufen. Es gibt Momente, da frage ich mich: krass, was da abgeht! Was passiert da eigentlich gerade mit den Leuten? Umjubeln die den richtigen Kontext oder verstehen die gar nicht, um was es gerade geht?

Faber: Bei „Sei ein Faber im Wind“, wo das Wort Nutte vorkommt, glaube ich, dass gerade die jungen Mädchen sehr gut verstehen, um was es da geht, weil das ein Gefühl ist, dass sie kennen. Wenn man verliebt ist und enttäuscht wird, dann denkt vielleicht auch mal eine Frau über einen Mann: Du Hurensohn, warum träumst du nicht von mir, oder du Arschloch oder Wichser oder was weiß ich. Das ist vielleicht auch ein bisschen eine Generationsfrage. Wir reden halt so derbe unter uns. Und bei den anderen Liedern…(überlegt). Ich hab eigentlich schon ein gutes und aufmerksames Publikum und trau denen viel zu. Klar kommt´s auch mal vor, dass komische Zwischenrufe kommen. Zum Beispiel bei „Wer nicht schwimmen kann, der taucht“, da riefen mal welche: „Für Nazi-Scheiss gibts keinen Applaus“, wo du merkst: Die haben von A-Z wirklich nichts verstanden! Aber das ist extrem selten. Bei „Wem du´s heute kannst besorgen“ waren es aber tatsächlich eher die Journalisten, die es nicht verstanden haben. Da ist eine Unfähigkeit in irgendetwas eine Kritik zu sehen, wenn jemand ICH sagt. Dann ist das automatisch der, der das sagt. Das fand ich schon sehr überraschend. 

mainstage: Vermutlich ist ja nicht alles, was du schreibst, autobiografisch.

Faber: Natürlich nicht. Aber ich will mich auch gar nicht-da bin ich ja auch schon öfter angegriffen worden- hinter meinem sogenannten lyrischen Ich verstecken. Man hat doch so viele Teile in sich. Wenn nur einer davon ein Macho-Teil ist, wenn es diesen Teil in dir gibt, dann kannst du den verabscheuen, aber trotzdem darüber singen. Ich bin, zum Beispiel, mega eifersüchtig. Dann möchte ich das ja auch nicht. Trotzdem habe ich das. Was nicht heißt, dass ich alles habe, worüber ich singe. Aber die Leute, oder wir alle, tragen ganz viele verschiedene Sachen in uns. Weißt du, was ich meine?

mainstage: Ja, ich weiß was du meinst. Und es ist gut, dass mal jemand abseits des üblichen Einheitsbrei im Pop schreibt. Gibt es denn schon Pläne für eine neue Platte?

Faber: Ich schreibe schon ein bisschen nebenher, aber wir haben jetzt  erstmal auch so genug zu tun. Es gibt schon 3 oder 4 neue Songs, die wir auch schon live spielen, aber das ist noch lange nicht genug für ein neues Album. Wir releasen jetzt wahrscheinlich erst einmal etwas auf Italienisch.

mainstage: Wie schön! Wie wird das heißen?

Faber: Jimmy Ragusa. Aber das Projekt ist noch gar nicht so weit entwickelt, wir versuchen es einfach mal.

mainstage: Wird das dann anders klingen, als das was du mit Faber machst?

Faber: Das klingt dann schon etwas anders. Ruhiger, vielleicht ein bisschen erotischer, so mit schönen Streichern-in die Richtung. Kitschig würde man vielleicht sagen. Das wird, glaub ich, ganz lustig. Aber das kann sich auch noch mega ändern, das ist noch überhaupt nicht konkret.

mainstage: Noch eine letzte Frage: wenn ihr so im Tourbus sitzt, bei welcher Musik stellst du-oder ihr- das Radio lauter und bei welcher eher leiser?

Faber: Ich hör eigentlich fast nie Radio. Aber ich verstehe die Frage schon. Das ist echt ganz breit gefächert. Wir hören alles Mögliche,  Techno, Jazz, Pop, Space Rock, mega viel Trap. Das liegt halt daran, dass die Musiker bei uns alle ganz verschiedene Backgrounds haben. Der Posaunist hat Jazz studiert und produziert ganz viel Techno und spielt dann hier mit mir. Der Bassist hat eine klassische Ausbildung, worüber er auch viel weiß, der Gitarrist spielt in einer Mexikaner-Band, einer Surfband und in einer Country-Kapelle. Die Richtung ist gar nicht mehr so wichtig, solange die Musik gut ist. Was ich nicht so mag, ist Drum ’n‘ Bass, aber auch das müssen wir manchmal hören, weil der Techniker das geil findet.

mainstage: Dann war´s das. Danke, dass du dir die Zeit genommen hast!

Faber: Sehr gerne!

Mehr Infos, Tourdaten, Videos über Faber findet ihr unter: fabersingt.com

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