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Lilly among clouds, Foto: Katja Ruge

Lilly among clouds – Aerial Perspective

In den letzten Minuten von amerikanischen Fernsehserien wird immer noch einmal das Geschehen der gerade gesehenen Folge resümiert und eine Lebensweisheit mit auf den Weg in die Realität jenseits der Screens mitgegeben. Die Kamera schwenkt in Zeitlupe über die meist nachdenklichen Protagonisten oder über die Skyline der Stadt und eine grandiose Musik unterlegt diese letzten, so wichtigen Minuten. Diese Minuten sind mir die liebsten. Wegen der Musik.

Es gibt Musikscouts extra für diese Szenen und sie sollten sich Lilly among clouds mal fett unterstrichen auf ihre Liste schreiben. Niemand besser würde dafür passen. Es ist Filmmusik. Beim Hören der zarten und doch so intensiven Stimme wird man in die eigene Bilderwelt im Kopf entführt.

Phantasie im Gleitflug.

Demnächst werden es wohl noch einige Tausend Bilder mehr werden – die in den Köpfen ihrer Zuhörer. Ihr Debütalbum „Aerial Perspective“ ist gerade erschienen.

Ich treffe Lilly bei den „Kesselhaus Acoustic Concerts“ in Berlin. Es ist ein lauer Sommerabend, der Biergarten ist mit Lichterketten, wie für ein Fest, geschmückt, es ist so voll, dass die Kellner ihre Hüften drehen müssen, um überall durch zu kommen.

Lilly among clouds in Berlin, Foto: Stefan Roehrich

Lilly spielt als letztes an diesem Abend und, wenn das Publikum vorher höflich interessiert war, ist es jetzt aufmerksam still und ganz dabei. In jeder Ecke werden Handys gezückt und die Hälse gereckt, irgendetwas Besonderes passiert da.

Lilly sitzt im Klavier und hat mit ihrer Stimme die Leute in den Bann gezogen, erst allein und ruhig mit „Listen to your Mama“, dann kommen bei „Your hands are like home“ und „The only one“ Gitarre/Bass und Schlagzeug dazu.

Lilly lobt die schöne Location und erzählt kleine Geschichten zu ihren Liedern. „Remember me“ widmet sie ihrem Kaffee, den sie auf dem Autodach vergessen hat. Die Leute lachen und wippen mit den Füßen. Das Set ist, wie bei allen Künstlern an diesem Abend kurz, am Schluss folgt noch das Lied „Safer“. Die Leute sind begeistert. Ohne Zugaben darf sie nicht gehen, selbst der Chef der Veranstaltung flüstert ihr noch einen Liedwunsch zu und bekommt ihn erfüllt. Es ist ein schöner Abend.

Unser Termin nach dem Konzert verschiebt sich immer mehr, aber Lilly kann nichts dafür, sie muss Autogramme auf ihr Album schreiben. Eine brav anstehende Menschenschlange windet sich durch den sommerlichen Biergarten. Sie guckt sich nach mir um und ich winke von der Treppe und signalisiere, sie solle sich Zeit lassen. Als der letzte Zuschauer stolz mit seiner signierten Platte in der Berliner Nacht verschwindet, kommt Lilly zu mir. Sie ist glücklich, noch ein bisschen aufgedreht und kann gar nicht recht glauben, dass das Publikum so sehr mag, was sie macht. Doch am Ende, als lautstark applaudierend nach Zugaben gefordert wurde, sagt sie, vielleicht doch. So ein bisschen.

Wir setzen uns und plaudern über ihr Album. Als ich Lilly erzähle, dass ich da Filmmusik höre, strahlt ihr ganzes Gesicht und sie lacht. Ja, sie würde wahnsinnig gerne mal ihre Musik in einem Film sehen und sieht das ganz genauso. Wenn sie ihre Lieder schreibt, hat sie oft selber Szenen und Bilder dazu im Kopf.

Das Album nur als melancholisch zu bezeichnen, wäre untertrieben und würde ihm nicht gerecht werden. Es ist so viel mehr.

Meist beginnen die Songs mit einem Klavier- oder Streicherintro und bäumen sich im Verlauf opulent zu orchestraler Größe auf. Lilly mag das. Ich auch. Sie erzählt vom Produktionsprozess, wie mit ihrer Melodie gearbeitet und experimentiert wird, und dann die einzelnen Teil wieder zu einem großen Ganzen zusammengefügt wurden. Es war spannend und hat Spaß gemacht. Sie wollte es groß und emotional und ihr Produzent Udo Rinklin hat sie sofort verstanden und einen großen Anteil daran.

Obwohl das Album insgesamt einen melancholischen Eindruck macht, haben die Texte einen ganz unterschiedlichen Charakter und die Lieder können verschiedene Farbtöne annehmen. Man muss nur richtig hinhören.

Manche Lieder, wie „Listen to your Mama“ haben, finde ich, durchaus Tanzpotential. Das klingt schon fast wie ein 80er-Jahre-Synthie-Popsong. Das stimmt, sagt Lilly, es kommt halt immer auf die Begleitung an. Heute war es ja eine akustische Version. Ihr war es wichtig, dass sie, wenn sie ohne Synth unterwegs ist, das Lied trotzdem spielen kann. Auf der Tour im November mit Vollbesetzung der Band, wird es dann auf jeden Fall eine tanzbare Version geben. Das sei vom Songwriting her ihr Lieblingslied, weil sie ganz oft Ironie in die Texte packt. – „Oder Sarkasmus“ werfe ich ein und Lilly lacht: “Ja, endlich merkt es mal jemand!“.

Wie in „Keep“, diese Textzeile „Who’s that girl lying next to you? I guess she is beautiful, cause that’s what you always choose”. Oder auch bei “The only one”: Lilly wollte mal aufs Korn nehmen, dass viele Frauen gerade so hyperromantisch sind und von “Dem Einzigen” auf der Welt sprechen und würde auch nie von sich selbst so reden. Und bei „Listen to your Mama“ ist es die Zeile „Don’t get yourself a baby or a musician guy“, da muss sie schon lächeln, wenn sie selbst gerade am Klavier sitzt und das singt.

Ich erzähle ihr, mein Lieblingslied auf der Platte ist „Remember me“, weil ihr das Bild der Seiten seines Lebens, die nicht vergessen werden sollen, so sehr mag.

Auf die Idee sei sie bei einem Songwriterworkshop durch eine befreundete Songwriterin gekommen, die ihr mal erzählt hat, dass so viele Texte bei ihr nur Karteileichen sind. Das Bild mit den Karteikarten, den Zetteln und der Texte, die möglicherweise verloren gehen, ist ihr in Erinnerung geblieben. Sie liebt das Thema, weil sie es schlimm findet, wenn die Leute alle gleich sind oder jemand nacheifern wollen und keinen eigenen Stil entwickeln, nur weil sie Angst haben, abgelehnt zu werden.

Lilly among clouds hat mit ihrem Debüt sicher ihren ganz eigenen, einprägsamen Stil gefunden.

Das Album ist genau das Richtige für den gemütlichen Kuschelabend zuhause, die Live-Konzerte werden sicherlich ein großartiges Pop-Festival.

Hörenswert. Erlebenswert. Empfehlenswert.

Tourdaten:

  • 29.08.2017 | Berlin, Kesselhaus Acoustics, Kesselhaus, Germany,
  • 30.08.2017 | Hamburg, Knust Acoustics, Knust, Germany,
  • 31.08.2017 | Kassel, Aerial Perspective Akustik Tour, Boreal,
  • 01.09.2017 | Ingolstadt, Open Flair – VielFühlFestival, Tentstage, Germany
  • 29.09.2017 | Wien, Waves Vienna Festival, Austria
  • 25.10.2017 | Wawern, Aerial Perspective Tour, Synagoge, Germany
  • 26.10.2017 | Augsburg, Aerial Perspective Tour, Soho Stage, Germany
  • 27.10.2017 | Regensburg, Aerial Perspektive Tour, W1, Germany
  • 01.11.2017 | Cronulla Beach, Australian Music Week, Australia,
  • 13.11.2017 | Bremen, Aerial Perspective Tour, Tower, Germany
  • 14.11.2017 | Berlin, Aerial Perspective Tour, Kantine am Berghain, Germany
  • 15.11.2017 | Hamburg, Aerial Perspective Tour, Prinzenbar, Germany
  • 16.11.2017 | Bochum, Aerial Perspective Tour, Bahnhof Langendreer, Germany
  • 17.11.2017 | Frankfurt, Aerial Perspective Tour, St. Peter Café, Germany
  • 18.11.2017 | Schorndorf, Aerial Perspective Tour, Manufaktur, Germany
  • 19.11.2017 | München, Aerial Perspective Tour, Kranhalle, Germany
  • 31.01.2018 | Bielefeld, Aerial Perspective Tour 2, Bunker Ulmenwald, Germany
  • 04.02.2018 | Münster, Aerial Perspective Tour 2, Pension Schmidt, Germany

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