Oh, Napoleon – Oh, Napoleon EP

Oh, Napoleon EPPop ist gut, ist schlecht, ist alles, ist Dreck. Pop polarisiert, kritisiert, ärgert, doch kann in manchen Momenten vor allem eins: bezaubern. Was die junge Band Oh, Napoleon aus Krefeld mit ihrer ersten EP verspricht, haben schon viele Künstler vor ihr getan. Doch hier spürt man mit einer unbefangenen Gewissheit, dass man nicht enttäuscht werden kann. Versprochen.

Wenn Oh, Napoleon als Newcomer gehandelt werden, hat dies keinesfalls einen Grad der Berechtigung. Bereits vor zwei Jahren wurde die Plattenfirma Universal auf die Band Your Dumb Invention, wie sie sich damals noch nannten, aufmerksam und bat ihnen Demovertrag an. Eine unglaubliche Gelegenheit für die damals noch sehr jungen Bandmitglieder Max Frieling (Gitarre), Danny Balzer (Bass), Patrick Richardt (Schlagzeug) und Katrin Biniasch (Gesang). Doch es fehlte etwas. Einige Produzenten wurden ausprobiert, Songs aufgenommen, aber mit dem fertigen Produkt stellte sich noch keine Zufriedenheit ein. Erst als durch Zufall ein Freund der Band bei einem Unplugged-Auftritt in Krefeld im Jahr 2008 aushalf, war das fehlende Stück der erhofften Einheit gefunden: Max Landwehrjohann, der nun an der Gitarre und am Klavier seinen Beitrag leistet. Endlich stimmte der Zusammenklang und auch die ersten Aufnahmen mit Produzent Oliver Zülch brachten endlich die gewünschten Ergebnisse. Zum letzten Schritt fehlte dann nur noch ein neuer Bandname und mit der nun gleichnamigen EP Oh, Napoleon haben sie den alten Dunst vollständig ausgetrieben, um jetzt weitere Meilensteine in Angriff zu nehmen.

Wie lassen sich nun die vier Songs beschreiben, die Oh, Napoleon für ihre erste Veröffentlichung ausgewählt haben? Mozart schrieb einmal in einem Brief von 1782 an seinen Vater Leopold, dass sich die Ästhetik seiner Musik in der Zufriedenheit fassen lässt, die sowohl Kenner als auch Liebhaber spüren. Während der Kenner im musikalischen Text Grundlage für ein ästhetisches Urteil finden kann, wird der Liebhaber mit Leidenschaft und für ihn unverständlichen Grund berührt. Kein direkter Vergleich, aber Oh, Napoleon bieten hier für beide Fronten etwas besonderes. Ob Folkpop, Singer/Songwriter-Einflüsse oder eben einfach nur Pop: Hier werden Geschichten alleine durch die Töne erzählt und das zählt. Schon der Einstieg „To Have/To Lose“ zeigt, wie Katrin Biniaschs herausragende Stimme hier den Einklang mit der Musik schafft und alles seinen Anfang nimmt. „my body keeps shaking / my mind tells me that tonight / i could lose it“ Das Kopfkino rattert, wenn man sich bei „Lovers In Your Head“ die Band wunderbar auf einer kleinen, engen Bühne eines verrauchten Jazzclubs in einer interessanten Großstadt vorstellen kann und ein Protagonist, getrieben von der bisher vergeblichen Suche nach der perfekten Liebe, in die Szenerie einkehrt und bei ein und mehreren Whiskeys an der Bar versinkt. „to the lovers in my head / there are so many things / so many people standing still“ Mit Melancholie und einem Hauch Depression über die Tragik der Liebe, die nur wenige Minuten danach in „K“ zum Thema wird: „k is for the knife / that’s killing me tonight / and every little cut means / another dream that breaks tonight“ Doch auch dies geht vorbei und wiederum einen Song später in „A Book Ending“ wird der resignierende Schlussstrich gezogen, um weitermachen zu können. Wie ein Ted Mosby, der noch immer nicht seine spätere Traumfrau gefunden hat, aber dennoch von einer unbändigen Hoffnung getrieben wird. „my broken bones soaked in pain / but that’s ok for me

Diese EP erreicht vielleicht deswegen einen so hohen Grad an Zufriedenheit, weil sich Zeit gelassen wurde, um sich bandeigene Qualitäten wie Freundschaft, blindes Verständnis und die daraus resultierende Kreativität zu erarbeiten. Unter dem Namen Your Dumb Invention hätten sie bereits einige Treppenstufen erklimmen können, doch stattdessen wurde lieber noch einmal von vorne begonnen. Genügend Zeit zur Resignation und Ausbügelung der Fehler, die nun nicht mehr gemacht wurden. Natürlich haben andere Künstler die gleichen Qualitäten, aber verlieren dann doch irgendwie einzelne Facetten der Ehrlichkeit und Glaubhaftigkeit. Bei Oh Napoleon sind diese noch auf allen Ebenen vorhanden und man darf hoffen, dass sie es auch bleiben werden.

Hier passiert seit Langem noch einmal herausragender Pop auf brodelnder Flamme, der sich schon bald zu einem Lauffeuer erheben könnte, um die pathetischen Herzen zu erwärmen, während in Paris die Brände der Revolution bereits gelöscht wurden. Mit der Hand zwischen den Hemdknöpfen auf dem Weg zur Eroberung, wie es auch der gleichnamige General und Kaiser Napoleon Bonaparte vor zweihundert Jahren tat. So weit darf man den Kitsch treiben, denn Pop ist eines seiner Zitat schon lange: „Wenn man Dummheiten macht, sollten sie wenigstens gelingen.“ – Diese Dummheit hier ist gelungen und der beste Antriebsmotor, um im Jahr 2010 mit einem Album eine noch größere Dummheit zu wagen. Der Französischen Revolution sei es gedankt.

foto: nina stiller.


Die EP „Oh, Napoleon“ ist am 16.10.2009 bei Universal Music erschienen.

2 comments

  1. Gordon says:

    Sehr gut geschriebener Artikel, aber Krefeld gehört zum linken Niederrhein und NICHT!! zum Ruhrgebiet, das liegt auf der anderen= FALSCHEN Rheinseite:)

  2. Christopher says:

    Hab Dank für die Aufklärung. Ich habe Krefeld bisher immer zum Ruhrgebiet gezählt, mag aber auch daran liegen, dass man in Köln so schön isoliert sein eigenes Süppchen kochen kann. Wird auf jeden Fall berichtigt, denn den Krefeldern soll kein Unrecht getan werden. :)

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