Rolling Stone Weekender 2011 – Rock gegen Rheuma

 

Musikfestivals ziehen in der Regel eher jüngere Menschen an, die neben Konzerten vor Allem wilde Parties suchen und finden. Am vorletzten Wochenende fand in einer Ferienanlage in der Ostsee der dritte Rolling Stone Weekender statt – mit alten Männergruppen und großartigen Musikerlebnissen.

Den beherzten Luftsprung mit Gitarre, wie er auf riesigen Bannern rechts und links der Zeltbühne des Rolling Stone Weekenders prangt, wird am Ende des Wochenendes einzig Matthew Caws aufs Parkett gelegt haben, Sänger der Indierockband Nada Surf. So agil wie er geben sich auf diesem Festival die wenigsten, weder auf noch vor der Bühne. Als die süddeutschen The Notwist am Freitag um 17 Uhr das Festival eröffnen, blinken die Lichter von der Bühne den Zuschauern so grell ins Gesicht, dass bei so manchem die Hoffnung auf Heilung seines Grauen Stars aufgekommen sein mag.

„Ich bin 49 und liege hier ganz gut im Schnitt, glaube ich“, sagt ein grauhaariger Mann mit schlabberigem Adidas-Pullover etwas scherzhaft. Er sagt das ohne jeden Vorwurf, sieht zufrieden dabei aus. „Das spiegelt ganz gut unsere Leserschaft wieder“, sagt Rainer Schmidt, Chefredakteur des Rolling Stone Magazins, das dem Weekender seinen Namen gab. „Der Altersdurchschnitt unserer Leser liegt so bei 36, 37 Jahren.“ Unter 30 ist auf dem Rolling Stone Weekender kaum jemand und wer unter 20 ist, kam in Begleitung seiner Eltern.

Bei diesem Festival ist fast alles anders, als der erfahrene Besucher es von den großen Open Airs kennt. Es gibt keine Dixi Klos, kein Bier aus Schläuchen, keine betrunken rumgröhlenden Jugendlichen. Keine Ravioli aus Dosen und keinen Campingplatz. Der Weekender findet in der Ferienanlage Weißenhäuser Strand zwischen Kiel und Fehmarn statt, die Ostsee nur einen Steinwurf entfernt. Die Gäste übernachten im Strandhotel oder in spießig eingerichteten Ferienwohnungen mit Flachbildfernseher. Die Architektur: ein Alptraum aus den 70er Jahren. Und trotzdem kehrt hier an diesem Wochenende der Rock’n’Roll ein.

Das Festival ist Ergebnis davon, dass auch Veranstalter älter werden. Seit 25 Jahren organisiert Folkert Koopmanns schon Konzerte, heute ist seine Firma Scorpio verantwortlich für Riesenfestivals wie Hurricane und Highfield. „Wir finden diese Festivals immernoch toll, aber es ist nicht mehr das, was wir noch hören“, räumt er ein. Da kommt der Rolling Stone Weekender gerade recht, viele der Bands laufen auch auf den privaten Plattenspielern der Veranstalter. „Die Bands, die hier spielen, sind alle Rolling-Stone-DNA“, sagt Chefredakteur Schmidt. „Deswegen identifizieren wir uns ja auch hundert Prozent mit dem Festival.“

Musikalisch wird ein Querschnitt aus so ziemlich dem Besten geboten, das Indie, Post-Rock und Neo-Folk derzeit zu bieten haben. Alteingesessene Künstler wie die Weinheimer The Notwist, die Sängerin Heather Nova mit ihrer Band oder die wahnsinnig intensiven Explosions in the Sky geben sich das Wochenende über die Klinke in die Hand. Die US-Amerikaner Wilco stellen ihr neues Album auf der Bühne im Zirkuszelt vor und die Songwriterin Susanne Sundfør verzaubert ihr sitzendes Publikum im Witthüs, einer Lounge in der Ferienanlage. Den großartig-orchestralen Abschluß geben am Samstagabend Elbow aus Manchester. Es wird geklatscht, geschunkelt, „Bravo!“ skandiert. Menschen liegen sich in den Armen. Fast ein bisschen zu viel Bilderbuch.

Auch durch das „subtropische Badeparadie“ schallt am Samstagnachmittag Musik, ein DJ in Badehose und ohne Schuhe legt seine Platten auf. Allerdings tanzt hier niemand, nur wenige Festivalgäste erkennt man im Schwimmbad an ihren großflächigen Tättowierungen aus früheren Jahren. Wem die „Turborutsche“ zu gefährlich ist, kann sich im Wellness-Bereich auf zehn verschiedene Weisen massieren oder in eine Fangopackung wickeln lassen. Das tun einige, der Ansturm könnte aber größer sein. Volles Haus gibt es im Witthüs, wenn die Autoren Wladimir Kaminer, John Niven und Nagel am Samstagnachmittag in gemütlicher Athmosphäre aus ihren Büchern lesen.

Anders als auf anderen Festivals ist auch das Geschlechterverhältnis. Der Männerüberschuß ist unübersehbar und bricht sich spätestens bei der Aftershowparty in maßlosen Baggerkapriolen auf die zahlenmäßig unterlegenen Frauen Bahn. Aber auch vor den Bühnen sind es hauptsächlich Männer, oft mit Hornbrillen und Lederjacken. „Es gibt viele Männergruppen, die hier alleine her gereist sind und zusammen ein Wochenende verbringen wollen“, sagt Folkert Koopmanns. Ihre Frauen lassen sie alleine am Herd, während sie selbst nochmal die Sau raus lassen. Zumindest ein bisschen. „Das liegt wohl in der Natur der Sache“, meint Koopmanns. „Es gibt nicht so viele Plattensammlerinnen wie Plattensammler.“ Der Musiknerd, er ist vor Allem im Alter ein Mann.

Am Samstagnachmittag gehen hunderte Festivalgäste am Ostseestrand spazieren. Ein Meer aus Northface-Jacken zieht sich entlang des spiegelglatten Ozeans. Die Gesprächsthemen, sie haben mit denen auf konventionellen Festivals (Saufen, geile Bands, Saufen) nicht viel zu tun. Geredet wird über die Bankenkrise, den Gang in die Selbstständigkeit, die Erfolge der Kinder in der Schule. Nur ein paar junggebliebene spielen das Trinkspiel Flunkyball am Strand – wie früher mit Bier und nicht etwa mit Rotwein. Im Großen und Ganzen suchen die Gäste hier aber Entspannung und nicht etwa den Exzess. Der liegt weit zurück.

Besonders viel Streß wollen die Veranstalter an diesem Wochenende auch nicht haben. „Der Weekender soll in jeder Hinsicht relaxt bleiben“, erzählt Koopmanns. „Wir müssen hier nicht wie beim Hurricane 80 Bands präsentieren.“ Es sind 27 an zwei Tagen, viele spielen ganze 90 Minuten, je nach Wunsch der Künstler. Entspannt ist hier wirklich alles, sogar die Securities. Nach zwei Tagen ist der Spaß dann wieder vorbei, bis um 10 Uhr morgens müssen die Gäste ausgecheckt haben. Einen dritten Festivaltag gibt es nicht, soll es auch nicht geben. „Der Sonntag ist zum Relaxen da“, sagt Folkert Koopsmanns.

Auch das Festival selbst wird langsam erwachsen. „In den ersten Jahren haben wir viel Geld verloren“, erzählt Cheforganisator Koopmanns. 2009 war der Verlust sogar sechsstellig. „Dieses ist das erste Jahr, in dem wir Geld verdienen.“ 3600 Gäste haben in der Anlage übernachtet, 400 zusätzliche Tagestickets wurden verkauft. Im kommenden Jahr sollen nochmal 200 Übernachtungsplätze mehr zur Verfügung stehen, dann ist die Anlage ausgelastet. Die älteren Musikfans werden dann am Weißenhäuser Strand unter sich sein, „Fremdgäste“ können nicht buchen. Vielleicht wird dann alles noch ein bisschen spießiger.

Text & Fotos: Benjamin Laufer

 

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