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Sarah Kuttner: Mängelexemplar

Sarah Kuttner hat was geschrieben. Das ist ja vorerst nichts Neues, denn in Form von Kolumnensammlungen erschienen bereits 2 Bücher von ihr bei S. Fischer. Aber das „Mängelexemplar“ geht nun in eine ganz andere Richtung, Frau Kuttner schnuppert Luft als Romanautorin und schickt die Protagonistin Karo auf eine Achterbahnfahrt ihrer verkorksten Gefühle.

Zu Beginn ein Teaser zum Buch auf Youtube:

Die Story wie folgt: Es geht um Karo Herrmann, eine Dame um die 30, die das typische Großstadtleben in sich verkörpert: Schnell und flexibel sein, keine Sekunde umsonst verstreichen lassen. Ihr Leben verläuft geradlinig. Bis auf einmal alles anders wird: Sie verliert ihren langjährigen Job, muss ihre Beziehung beenden und räumt in ihrem Freundeskreis ordentlich auf. Zunächst ist da der Stolz, endlich Mut gehabt zu haben, der sich aber schnell und vor allem ohne Vorwarnung in tiefe Angst und Einsamkeit verwandelt. Und hier geht die Geschichte erst richtig los. Infolge dessen, als Karo keinen anderen Weg mehr sieht, besucht sie regelmäßig Anette Görlich für Therapiestunden und lässt sich schließlich eine Reihe an Tablettchen verschreiben, die die Angsterscheinungen mildern sollen. Karo sucht Halt bei Familie und ihrem besten Kumpel Nelson. Als sich ihr Leben nach und nach zu bessern scheint und sie sogar wieder Kontakt zur Männerwelt aufbauen kann, glaubt sie, dass sie wieder zu ihrem alten Leben zurückfinden kann – Glaubt sie…

Es sollte erwähnt sein, dass ich Sarah Kuttner’s Schaffen seit jeher mit Interesse verfolgt habe und somit die Person hinter dem Roman – zumindest oberflächlich – sehr gut kenne. Da das Buch in der ersten Person Singular geschrieben ist und ich am laufenden Band über kuttner’schen Slang stolperte, fiel es mir teilweise schwer, zwischen Sarah Kuttner und der eigentlichen Protagonistin Karo Herrmann zu unterscheiden. Niemand sollte Frau Kuttner unterstellen, selbst eine schwerwiegende Depression erlitten zu haben, aber das Drumherum (Medienleben, ständige musikalische Querweise und Neologismen à la „geabendbrotet“) erinnert doch stark an die Autorin.

Der Schreibstil ist trotz dem Ernst der Lage sehr locker und leicht zugänglich. Ab und an kommt man beim Lesen um das Schmunzeln nicht herum. Das liegt daran, dass Karo direkt aus ihrem Kopf schreibt. Was sie denkt, wird zu Papier gebracht, der Leser erfährt viel mehr von Karo als die Menschen in ihrem Umfeld es tun.

„Manchmal habe ich große Angst, dass ich vielleicht zu kompliziert für eine einfache Seelenheilung bin. Ich komme mir plötzlich unangenehm vielschichtig vor. Heile ich grade wirklich, oder spiele ich mir nur vor, dass ich heile? Oder spiele ich mir vor, dass ich mir vorspiele, zu heilen? Mein Kopf ist ein Labyrinth aus Möglichkeiten, und ich bemerke plötzlich, dass ich mir selbst nicht mehr traue. Und das ist große Scheiße.“

Der Großteil des Buches beschäftigt sich mit der seelischen Verfassung und mit den Gedanken eines Kontrollfreaks in Psychotherapie, der eigentlich doch so gerne mal loslassen würde – Und wie die Geschichte sich rein oberflächlich entwickelt, ist von vorn herein vorhersehbar. Aber da sich die einzelnen Zweige geschickt zu einem großen Ganzen verästeln und direkt aus dem Leben geschnitten sind, kommt man trotzdem ganz schlecht vom Lesen weg. Ein gelungener erster Roman, der mit Sicherheit nicht nur Kuttner-Freunden zusagen wird – An viel mangelt es diesem „Mängelexemplar“ nämlich wahrlich nicht.


VÖ: „Mängelexemplar“ erscheint am 11.03.2009 bei S. Fischer.

7 comments

  1. Marcus says:

    Findest du das Buch wirklich gut? Also gut, ich mag sie nicht… Das kommt vielleicht dazu. Die Rezension in der Jungle World hat meinen ersten oberflächlichen Eindruck ziemlich bestätigt :-D Die Kritiken sind doch ziemlich vernichtend.

  2. Liebe Sonja,
    super Blogpost. Ich habe das Buch noch nicht gelesen, finde es aber gut, dass Kuttner das Thema aufgreift.
    Das Menschen zum Therapeuten gehen, ist mittlerweile salonfähig. Aber zu erzählen, dass man Antidepressiva nimmt und dennoch total normal ist bzw. versucht sein Leben in den Griff zu kriegen, traut sich glaub ich keiner. Das Thema finde ich deshalb spannend, da ich mich mit Burnout bei LehrerInnen beschäftigt habe – die am stärksten gefährdete Zielgruppe für Burnout/Depressionen.
    Auch wenn Antidepressiva helfen, sie werden zur Volksdroge Nummer 1 und man hat festgestellt, dass die Gehalt von Anti-Depressiva Substanzen in den letzten Jahren extrem gestiegen ist.
    Im Interview mit FM4 sagt Kuttner, dass sie das Buch geschrieben habe, weil „das Thema allgegenwärtig sei“ und sie Ihre Erfahrungen im näheren Umkreis von Freunden und Bekannten zu Papier bringen wollte. Sie sagte weiterhin sie sei nicht Karo, aber die „Ansichten sind schon meine“.
    Ich glaub aber auch, dass es autobiografische Anteile hat, denn wie soll man über Panikattaken und Ängste schreiben können, wenn man sie selbst nicht erlebt hat?
    Danke + Gruß, Anne

  3. host says:

    Also ganz ehrlich, hab das Buch gestern erhalten und hab es fast durchgelesen. Ich muss sagen es ist ein ziemlich detailiert beschriebener Ablauf von Panikattacken und so ziemlich allem was damit zu tun hat. Ich hatte selber lange Zeit damit zu kämpfen und auch wenn es für nicht Betroffene komisch klingt, bei mir war es genauso. Ich finde es vorallem gut das so ein Thema auch mal angesprochen wird, die meisten ignorieren es ja leider. Ich war am Anfang auch eher skeptisch, aber letztlich hat es mich doch überzeugt.

  4. Jennifer says:

    Ich bin sehr gefesselt von diesem Buch, was aber dadurch zu erklären ist, dass ich das Gefühl habe, ich könnte es selbst geschrieben haben. Vieles in diesem Buch entspricht meinen eigenen, alltäglichen Gedanken und auch die Kindheit und Entwicklung der „Caro“ entspricht in etwa meinem eigenen „Werdegang“.
    Grundsätzlich finde ich das Buch wunderbar leicht geschrieben. Ich habe noch nie ein Buch gelesen, was mich derart aufgewühlt hat. Ich kann mir jedoch vorstellen, dass sich dieses Buch für manche wie einer dieser allzu bekannten Kitschromane liest, in der man sich trennt, ein neues Leben zu führen versucht und schlussendlich kommt doch alles wieder gut. Ist ein meinen Augen also sehr personenabhängig!

  5. Vanessa says:

    Also ich bin auch fast durch mit dem Buch und ich muss sagen, ich hab weniger erwartet als ich bekommen habe. Das Buch ist super geschrieben.
    Und irgendwie kann ich mich genauso gut in manchen Punkten mit Karo identifizieren obwohl ich nicht unter Panikattaken leide.
    Ich hoffe sie schreibt noch mehr solcher Romane.

  6. Nina says:

    Ich finde das Buch unglaublich schlecht. Es ist sehr oberflächlich und meines Erachtens überhaupt nicht emotional und es wirkt absolut unehrlich. Alles läuft irgendwie aalglatt (immer Unterstützung von der sozialen Umgebung, tolle Therapeutin, leckere Medikamente) obwohl dieses Thema ein Gegenteil eines proplemlosen Ablaufs von Lebenssituationen ist. Auch die Rahmenbedingungen sind sehr einfach gesteckt. Arbeitslosigkeit und Trennung, Panikattacken/Depression, neuer Arbeitsplatz= alles kommt langsam wieder ins Lot.
    Es ist ein bischen wie ein Märchen.
    Die große Nachfrage nach dem Buch erklärt sich wohl mit der Prominenz der Schriftstellerin und des kreativen Titels, mit dem sich jeder zweite identifizieren kann.

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