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Spaceman Spiff | 16.06.12 | Café Koeppen, Greifswald

Ein Jahr ist vergangen, seit dem Spaceman Spiff der pommerschen Hansestadt erstmalig einen Besuch abstattete. „Das Café Koeppen Konzert Team“ steckte seinerzeit noch in den Kinderschuhen. Mittlerweile haben die jungen Damen und Herren entschlossenen Schrittes so manch namenhaften Künstler in den Nord-Osten der Republik gelockt. Zum ein-jährigen Jubiläum gönnen sich die Organisatoren einen kleinen Schuss Nostalgie.Dass es mithin gefährlich sein kann, schwelgerisch alte Erinnerungen erneut aufleben zu lassen, ist gemeinhin bekannt. Zu famos, zu gut dürfte das erste Gastspiel des Liedschreibers im beschaulichen Greifswald gewesen sein, als dass man versuchen sollte, womöglich noch zu verbessern, was schlicht nicht zu verbessern ist. Und dennoch: Man habe nichts unversucht gelassen, um dem Greifswalder Publikum nochmals diese magischen Momente zuteil werden zu lassen,  wie sie das erste Konzert des Würzburger Künstlers hervorgebracht habe, heißt es auf dem, das Konzert ankündigenden, Flugblattes. Eine durchaus ehrgeizige Mission also. Daran, dass dieses Projekt mehr als geglückt ist, zweifelt um kurz vor Mitternacht keiner mehr. Weder Besucher, noch Veranstalter. Jens, ein ruhiger Mittzwanziger und Repräsentant des Konzert-Teams, sitzt in sich gekehrt auf den Treppenstufen im Erdgeschoss des Literaturzentrums. Vor ihm stehen junge Menschen Schlange, um eines der zahlreichen Produkte aus dem Sortiment Spaceman Spiffs zu erstehen. Der Künstler bedient selbst. Verschwitzt und ausgelaugt ist er. Glücklich auch.

Es ist ein wettertechnisch ungemütlicher Abend. Wasserwarm, regnerisch und trotzdem sind sie alle gekommen. Die Menschen, die wunderschöne, persönliche Momente dem Final-Brimborium der Gruppe A der Fußball Europameisterschaft vorziehen. Das Griechenland und Tschechien der sensationelle Viertelfinaleinzug gelungen ist, weiß im Café Koeppen keiner. Auf einem kleinen Podest, vor roten Vorhängen, spendet das Alleinstellungsmerkmal der Veranstaltungsreihe Licht: die Stehlampe. Die Stuhlreihen des Auditoriums sind bis auf den letzten Platz gefüllt. Um kurz nach neun erklimmt der schlanke, großgewachsene Musiker die Bühne, auf der sich neben einem Mikrophon und einem Stimmgerät nichts weiter findet, als der Künstler samt seiner Gitarre. Für die herbeigesehnten magischen Momente benötigt der im Jahr 1986-Geborene nichts weiter als seine sympathische Ader und größtmögliche Emotion. „Treibsand“: „Mein Schlafanzug ist kugelsicher. Wenn ich träume bin ich unverwundbar.“ Mit geschlossenen Augen, presst Spaceman Spiff seine Zeilen geradezu heraus und liefert eigenständig Anhaltspunkte, warum er gemeinhin mit Gisbert zu Knyphausen verglichen wird. Eine Etikettierung derentwillen der sieben Jahre jüngere Würzburger nicht böse ist. In der Tat gibt es schlimmeres, als mit einem der besten deutschsprachigen Künstler verglichen zu werden. Dass er dieser erlauchten Garde mittlerweile höchst selbst angehört, stellt Spaceman Spiff unter Beweis. Seine Texte laden ein, sich mit ihnen zu identifizieren, seine Musik bietet Raum, sich in ihr zu verlieren. Und genau das zeichnet diesen Abend aus. Während draußen die Feuerwehr mit jaulendem Martinshorn vorüber fährt, singt der Musiker „Elefanten“. „Ein Song, der eigentlich nur richtig kickt, wenn die Band dabei ist“, wie er selbst sagt. Mit den abgewetzten Turnschuhen, stampft er auf den hölzernen Bühnenboden. Und spätestens, wenn dann der Betreiber des Cafés mit einem milden Lächeln hinter seiner Theke hervorlukt und meint, man habe gar nicht mitbekommen, dass er seine musikalischen Unterstützer nicht dabei habe, ist klar: an diesem Abend passt einfach alles.

So gut wie alle Songs sind gespielt. Das aktuelle Album „…und im Fenster immer noch Wetter.“ ist bis auf den Song „Photonen Kanonen“ zur Aufführung gebracht. Ans Aufhören ist indes nicht zu denken, sodass auch Lieder erklingen, die zeitweilig nicht live zu hören waren. „Bodenangst“, „Riesenrad“ und „100000 Kilometer“. Und auch wenn dabei alle Saiten reißen, zwei sind es an der Zahl, ist der Auftritt keinesfalls beendet. Im Rahmen seines ersten Greifswald-Besuchs hat er anderthalb Karaffen Wein geleert, heute hält er sich an Gänsewein und rezitiert er eine Strophe eines Erich Kästner Gedichts. Heute sind Dinge erlaubt, die anderenorts vielleicht nicht funktionieren. So präsentiert der Musiker seinen Song „Egal“  gleich in zweifacher Ausführung, da Café Betreiber Christoph ihn beim ersten Mal verpasst hatte. Er habe eigentlich „Kant“ durch „Spock“ ersetzen wollen, erinnert sich Spaceman Spiff erst nach dem Ende des Lieds. „Meint Ihr, ich kann die Passage nochmal spielen?…Du hast immer die Wahl zwischen Spock und Peter Pan“, tönt es wenig später.

Zwei Zugaben gibt es, die nebenher den Kontrast des musikalischen Portfolios des Künstlers sehr schön abbilden: „Wände“, ein neues Stück und „Ich habe schon lange vergessen, wie es ist, scheiße Gitarre zu spielen“, seines Zeichens ungleich älter. Wenn nicht hier, wo dann? Drei Stunden später, ist das Publikum immer noch nicht müde, frenetisch zu applaudieren und während der Songs aufmerksam zuzuhören. Ein Koeppen-Publikum, wie es im Buche steht! Noch lange nach seinem Auftritt erfüllt der Würzburger Künstler sämtliche Autogrammwünsche und plauscht entspannt mit seinen Fans. Eine junge Konzertbesucherin bedauert es gar, nicht genug Geld dabei zu haben, um sich neben einer CD noch ein T-Shirt kaufen zu können. Ihr Begleiter hält da schon längst die Vinyl-Version des aktuellen Spaceman Spiff-Albums in Händen. Jens nippt währenddessen an seinem Bier. Aller guten Dinge sind drei? Mindestens!

Spaceman Spiff

„Heute spiele ich gegen Dänemark-Deutschland.“

17. Jun. 2012 Berlin – BKA Theater

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