Frank Turner im Interview

ft_logoSeit er vor einigen Monaten im Vorprogramm der Deutschland-Tournee der Band The Gaslight Anthem auftrat, ist Frank Turner auch in unserem Land kein unbeschriebenes Blatt mehr. Mit seinem neuen Album Poetry Of The Deed will er nun offiziell die Stellung auf deutschem Boden festigen. Wir trafen uns mit dem englischen Songwriter im Berliner Ramones-Museum und sprachen mit ihm über seine Liebe zum Punk-Rock, sein neues Album und über ehemalige Frisuren, die es zu bereuen gilt.

Wir sitzen hier momentan im Ramones-Museum in Berlin, weshalb natürlich auch die erste Frage lauten muss, was deine erste Erinnerung an die Ramones ist.

Frank: Sie sind halt wie die Grammatik des Punk-Rock. Ganz simpel.

Und Punk-Rock begann für dich mit den Ramones?

Frank: Also für mich persönlich war Metal die erste Musikrichtung, in die ich mich verliebte. Iron Maiden, Metallica und „stuff like that“. Danach kam Punk mit Bands wie Offspring, Rancid, das ganze Pop-Punk-Zeugs und natürlich die Pistols und The Clash. Danach orientierte ich mich allerdings ziemlich schnell in Richtung Hardcore, da ich einfach so vernarrt in Metal war – Black Flag und Minor Threat waren die Bands, mit denen es dann für mich erst richtig anfing. Daher würde ich auch sagen, dass Black Flag und Minor Threat die wesentlichsten Punk Bands für mich waren.

Was machte Hardcore so anziehend für dich?

Frank: Ich kann mich daran erinnern, dass ich Rancid sehr mochte, mich aber nie an die Tatsache gewöhnen konnte, mich wie ein Idiot zu kleiden. Ich hatte einen Mohawk für fünf Monate. Schrecklich. Und an Hardcore mochte ich eben diese puritanische Art. Es war egal, was man trug. Viele Bands rasierten sich die Köpfe, damit man sich auf die Musik konzentrieren konnte und die waren eben hart und brutal. Es war diese Art der Hingabe, die ich so anziehend fand. Es war härter und intensiver und danach suchte ich, als ich ein Teenager war.

Gibt es etwas, das du bereust, wo du beispielsweise den Mohawk angesprochen hast?

Frank: (lacht) Ich denke, dass es Zeitverschwendung ist, etwas zu bereuen. Ich würde natürlich niemals wieder einen Mohawk tragen, um es so zu sagen. Ich habe mir damals auch die Haare weiß gefärbt. Ich hatte schreckliche Frisuren, als ich ein Kind war.

Zusätzlich zu den damaligen Frisuren, trägst du heutzutage deinem Musikgeschmack auch auf dem Körper mit dir herum, wie beispielsweise mit deinem Black Flag-Tattoo. Geht da die Liebe zum Punk-Rock und Hardcore so weit?

Frank: Für mich ist Punk-Rock nicht nur eine Musikrichtung, eigentlich ist es überhaupt keine Musikrichtung. Es ist ein Denkansatz, eine Einstellung gegenüber dem Leben. Ich finde Black Flag so inspirierend, weil sie die ganze Zeit sehr hart gearbeitet haben und nie zu arroganten Rockstars wurden. Sie haben sich auf ihre Musik konzentriert. Und obwohl ich ihre späteren Alben nicht so mag, respektiere ich die Tatsache, dass sie sich davon entfernt haben, wo sie angefangen haben, weil sie sich künstlerisch weiterentwickeln wollten. Das sind die drei Säulen, nach denen Musiker leben sollten: Hart arbeiten, nicht arrogant werden und sich musikalische Wege freihalten. Für mich fassen Black Flag diese Herangehensweisen an das Leben perfekt zusammen, daher auch das Tattoo.

Wie siehst du, als ehemaliger Teil dieser Szene, überhaupt die momentane Entwicklung von Hardcore und Punk-Rock?

Frank: Ohne jetzt irgendwelche Namen zu nennen, wenn du heutzutage eine x-beliebige Hardcore-Band siehst, klingen sie genau wie all das, was es in New York bereits 1988 gab. „That is the last punk rock thing I can think of.“ Es ist umstritten und es ist traditionell, aber in einer Art und Weise, die nur die Absicht besitzt, langweilig zu sein. Vor ein paar Jahren habe ich zum ersten Mal ein Grindcore-Konzert besucht und das war zehn Mal mehr Punk, als all die andere „Punk-Bands“, die ich in den Jahren zuvor gesehen habe. Für mich persönlich ist Punk-Rock immer noch wichtig, allerdings eher als ein Leitfaden zum Leben. Es hat daher wenig mit der Musik zu tun, die ich momentan mache, als viel mehr mit der Art wie ich in dieser Branche handle, wie ich mit meinem Leben weitermache und mit anderen Menschen umgehe.
Ich denke zwar weiterhin, dass in nächster Zeit noch ein paar gute Hardcore Bands hinzukommen werden. Allerdings warte ich nicht mehr darauf, dass Hardcore in nächster Zeit wieder gut werden wird. Stattdessen bin ich offen für alle Musikrichtungen „and when it blows me away, it blows me away„.
Kennst du The Hold Steady?

Klar, natürlich.

Frank: Die sind ein perfektes Beispiel. Sie haben in der Hardcore-Szene angefangen und jetzt singen sie Songs über diese Zeiten. Ich hätte niemals gedacht, dass ich sie irgendwie mehr mögen könnte und dann kam das neue Album raus und machte mich sprachlos, weil es so gut ist.

Viele Künstler in Deutschland haben auch in der Hardcore-Szene angefangen und machen jetzt eine völlig andere Musikrichtung, obwohl sie immer noch gerne über diese Vergangenheit sprechen.

Frank: Ja, ein anderes Beispiel, das mir gerade einfällt ist die Band Godspeed You! Black Emporer. Eine 10-köpfige Orchester-Rockband. Ich habe ein Tattoo von einem ihrer Album-Cover. Ich liebe diese Band. Sie haben nie Bandfotos veröffentlicht und ich weiß noch wie ich zu einem ihrer ersten Konzerte in London ging. Als ich sah, dass der Gitarrist auch ein Black Flack-Tattoo wie ich hatte, dachte ich sofort: „Of course!“ Hardcore in dieser Form war zwar nur ein musikalischer Zeitabschnitt, aber ich denke, dass man deswegen fühlt, Dinge in die Hand zu nehmen, nicht darauf zu warten, dass andere Leute einem sagen, was man tun sollte und wie es auszusehen hat. Leute, die mit Hardcore aufgewachsen sind, erreichen die Ziele, die sie erreichen wollen, schneller, als Leute, die mit Indie-Rock oder ähnlichem aufgewachsen sind. Sie warten nicht darauf, dass ihnen jemand einen Handjob und einen Plattenvertrag anbietet. Hardcore ist wie die katholische Kirche. Wenn du damit aufgewachsen bist, wird es dich immer verfolgen. Du kannst versuchen, davon zu rennen, „but you’re still be buried to punk or hardcore.

Nun lass uns aber mal endlich auf dein neues Album zu sprechen kommen. Ich habe gelesen, dass du im Vorfeld der Studioaufnahmen, die neuen Songs mit deiner Band auf einigen Konzerten in Oxford gespielt hast. Ging es dir dabei um die Reaktionen der Zuschauer oder was war die Idee dahinter?

Frank: Um die Reaktion der Zuschauer ging es mir eigentlich überhaupt nicht. Wir wollten viel mehr das neue Album mit der kompletten Band proben und einspielen. Durch das Spielen von Konzerten, kriegt man als Band eine gewisse Schärfe, die man nicht erreichen kann, wenn man die Songs immer und immer wieder in einem Proberaum spielt. Wenn man vor einer Gruppe von Zuschauern spielt, lässt man sich viel mehr auf den Song ein. All die Male davor, habe ich die Songs im Studio aufgenommen und immer und immer wieder gespielt. In der Sekunde, wenn man die Songs live spielt, verschieben sich einige Dinge, Textzeilen ändern sich, die Art wie man spielt ist anders. Eben diese Dinge wollte ich dieses Mal haben, bevor wir ins Studio gehen.

Und wieso hast du dich dieses Mal dazu entschlossen, das Album mit der kompletten Band aufzunehmen?

Frank: Auf den früheren Alben spielte ich fast alles selber ein, bis auf das Schlagzeug. Für die Touren brachte ich dann die jeweiligen Songs den Mitgliedern meiner jetzigen Liveband bei, die alle bessere Musiker sind und ihren jeweiligen Part verbesserten. Für mich klangen dann die Liveversionen der Songs immer besser als die Studioversionen, sodass ich keinen Grund mehr darin sah, es noch einmal auf die Weise zu versuchen. Außerdem wollte ich für dieses Album einen leichten intensiveren Sound, „not fuckin’t U2 like„, aber die Zeit schien einfach richtig.

Speziell der Anfang des neuen Albums lässt einen dann allerdings absolut überrascht zurück. Mit dem einsetzenden Klavier hört es sich dann im ersten Moment absolut nicht mehr nach dem alten Frank Turner an.

Frank: Der Anfang eines Albums ist immer etwas, über das ich mir sehr viele Gedanken mache, zusammen mit der gesamten Tracklist eines Albums. Die jeweiligen ersten Songs der letzten beiden Alben beispielsweise sollten immer Songs sein, die ich solo spiele, weil es eben das war, was ich zu der Zeit gemacht habe. Auf dem zweiten Album beginnt der erste Song nur mit meinem Gesang und der Gitarre, zum Schluss steigen dann aber noch die restlichen Instrumente mit ein. Und jetzt auf dem dritten Album wollte ich durch das direkt einsetzende Schlagzeug und Klavier eine entsprechend überraschte Reaktion hervorrufen. Ebenso waren die ersten Zeilen eines Albums immer wichtig für mich. Auf Love, Ire & Song war es „Let’s begin at the beginning“ und nun auf Poetry of the Deed ist es „I brought myself back from the devil„. Und das ist genau die neue Idee dahinter.

Schön zu hören, dass sich manche Künstler doch noch Gedanken über das Konzept „Album“ machen, obwohl sich größtenteils nur noch auf einzelne Songs konzentriert wird …

Frank: Ich sehe ein Alben immer als eine Platte mit zwei Seiten, selbst wenn sie nicht auf Vinyl erscheint. Ein Album sollte eine Reise sein und man sollte eine Pause in der Mitte haben, um dann die zweite Seite zu beginnen, die natürlich auch in sich einen Anfang, eine Mitte und ein Ende haben. Ich mache mir sehr viele Gedanken darüber.

Quasi das Prinzip eines Mixtapes …

Frank: Absolut. Jedes Album, das ich jemals gemacht habe, ist immer um die 45 Minuten lang, damit es auf eine Seite eines Tapes passt – obwohl sie heutzutage niemand mehr besitzt. Aber es gab damals so viele Alben, von denen ich die letzten Songs nicht kannte, weil sie beim Überspielen nicht mehr auf die Seite des Tapes passte. Bei Refused The Shape of Punk to Come hatte ich nur die ersten zehn Songs, weil der letzte nicht mehr auf das Band gepasst hat.

Die erste Single „The Road“ deines neuen Albums handelt von jemandem, der ständig unterwegs und immer wieder den Horizont bereist, was offensichtlich dein eigenes Schicksal ist.

Frank: Ja, all meine Songs handeln meistens von mir. Ich kann einfach keine fiktionalen Songs schreiben und „The Road“ ist dabei viel mehr ein Lovesong. „A Lovesong to the world„. Ich will niemals jemand sein, der anderen Leuten vorschreibt, wie sie zu leben haben, aber für mich persönlich ist der beste Weg, so viel wie möglich aus dem Leben zu machen, ständig in Bewegung zu sein. Das ist es worüber der Song eigentlich handelt.

Und hast du selber irgendwelche Traditionen, wenn du an neuen Orten ankommst?

Frank: Ich habe eigentlich nur eine alte griechische Tradition, die ich immer praktiziere, wenn ich das Meer erreiche und zwar wasche ich dann meine Füße im Wasser als Zeichen des Respekts für Poseidon. Es ist eine ganz nette Sache.

Love Ire & Song wurde vor einigen Wochen in Deutschland das erste Mal veröffentlicht, obwohl das Album schon ein Jahr alt ist. Nun steht auch bald Poetry Of The Deed in den Läden. Wie unterscheiden sich die beiden Alben für dich persönlich?

Frank: Vom musikalischen Standpunkt her gesehen ist Poetry Of The Deed natürlich ein größeres Album, da wir es zusammen als Band aufgenommen haben. Ich denke aber auch, dass es auch ein positiveres Album ist. Ich fühlte mich dabei ein wenig wie auf einer Mission, während ich das Album machte. Love Ire & Song war mehr eine Sammlung von Songs, die ich gut fand. Dieses Mal fühlte ich mich dagegen viel zielgerichteter.

Liest du eigentlich persönlich die Kritiken, die deine Alben erhalten?

Frank: Also, natürlich lese ich sie, aber die Meinung eines Kritikers ist für mich genauso wichtig wie die einer jeden anderen Person. Ich bin interessiert, in allem, was Leute über meine Musik zu sagen haben, aber ich denke nicht, dass eine Person, die für den NME schreibt, mehr geschätzt werden sollte, als jemand, der zu meinem Konzert kommt und dort die CD kauft. Eigentlich hat die Person dann auch Geld dafür bezahlt, von daher … (lacht) Für mich, „the definition of selling out“ ist es, Musik für andere und nicht für sich selbst zu machen, egal ob es deine Plattenfirma, ein Radiosender oder deine Freundin ist. Man sollte die Aufrichtigkeit besitzen, Musik für sich selbst zu machen.

Viele Künstler wie Chuck Ragan oder Jonah Matranga haben in den letzten Jahren ihre Position als Sänger einer Band aufgegeben, um dann, wie du es auch gemacht hast, alleine weiter Musik zu machen. Was macht diesen Wechsel in letzter Zeit anscheinend so attraktiv für manche Künstler?

Frank: Man hat eben mehr Kontrolle über alles, was man macht (lacht). Es ist alles halt viel einfacher zu organisieren. Aber es ist wirklich interessant, weil es viele Künstler in den letzten Jahren gemacht haben. Ich werde zwar hier keine Namen nennen, aber ich finde, dass viele einfach nur versuchen, Pop-Punk-Songs ohne Schlagzeug zu schreiben, was ich künstlerisch ziemlich langweilig und öde finde. Was ich dann beispielsweise an Chuck so mag ist, dass er das eben nicht macht. Er beschäftigt sich mit traditioneller Musik und schreibt richtige Folk-Songs. Es sind eben keine Hot Wat Music Songs, nur ohne Hot Water Music. Und das ist großartig. Ein Lob natürlich auch an Jonah Matranga, der das schon viele Jahre zuvor gemacht hat. Das erste Mal habe ich Jonah getroffen, als er im Vorprogramm von meiner früheren Band Million Dead spielte. Und während er dort ganz alleine mit seiner Gitarre auf der Bühne stand und spielte, dachte ich nur: „Wow. He’s got balls, you know?“ Das war ein sehr beeindruckender Moment für mich, weil es eben so beeindruckend war, ihn dabei zu beobachten, während er sein Ding durchzieht.

Deine Presseinformation endet mit der Zeile „the best is yet to come …„. Was sollte also in nächster Zeit folgen?

Frank: (lacht) Ich liebe es natürlich zu touren und für mich…Also, wann immer ich ein Album fertig habe, denke ich, dass da noch bessere Dinge kommen müssen, als Songs zu schreiben und in der Sekunde, wenn ich das gedacht habe, würde ich am liebsten aufhören oder zumindestens etwas völlig anderes machen. Eigentlich ist es lustig, denn nach diesem Album hatte ich knapp drei Wochen lang eine Krise, weil ich mir nicht vorstellen konnte, wie das nächste Album auszusehen hat. All mein Freunde meinten, ich wäre komplett verrückt, mir darüber Gedanken zu machen. Natürlich hatten sie Recht, aber ich hatte sonst immer eine gewisse Ahnung, wie das nächste Album auszusehen hat und in diesen drei Wochen eben nicht und plötzlich hatte ich doch einen Gedankenblitz, an dem ich mich die nächste Zeit festhalten kann. Für’s erste werde ich allerdings erst einmal einige Konzerte hier in Deutschland nachholen. Das ist also die erste Sache, die in nächste Zeit folgen wird …

Vielen Dank für das Interview.


An folgenden Terminen wird Frank Turner diese guten Vorsätze unter Beweis stellen:

01. Dezember – Hannover, Bei Chez Heinz
02. Dezember – Köln, Luxor
10. Dezember – Hamburg, Molotow
11. Dezember – Berlin, Magnet
12. Dezember – München, 59:1

Die Rezension zum neuen Album „Poetry Of The Deed“ findet ihr hier.

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