Startseite » Im Gespräch mit Hallogallo 2010

Im Gespräch mit Hallogallo 2010

Hallogallo 2010 ist das neue Projekt von Musiklegende Michael Rother (Kraftwerk, Harmonia,Neu!), das er gemeinsam mit Steve Shelley (Sonic Youth) und Aaron Mullan (Tall Firs) auf die Beine gestellt hat. Beim Dockville Festival hatten wir die Chance, uns mit der Band zu treffen. Ein Gespräch über die Liveauftritte, die Zukunft der Band und allem drum herum. Habt viel Spaß beim Lesen!

Ihr seid für zwei Tage auf dem Dockville Festival. Gestern hattet ihr ein DJ-Set mit eurem Projekt Neutronics und morgen Abend werdet ihr live mit Hallogallo 2010 spielen. Es ist euer einziger Festivalauftritt in Deutschland – Warum habt ihr euch ausgerechnet für das Dockville entschieden?

Michael: Ich wurde von Enno Arndt eingeladen, der schon seit einer Weile Interesse an meiner Musik gezeigt hat. Als dann bekannt wurde, dass ich Anfang des Jahres ein Live-Team zusammenstelle mit einigen Freunden aus Amerika, hat er das Angebot gemacht, dass wir hier auftreten könnten. Das war sogar das erste Booking überhaupt, das für die Liveband Hallogallo 2010 zustande kam. Das war der Anfang. Aber man muss sagen, dass das Interesse in Deutschland für meine Musik schon immer relativ gering gewesen ist. Die Anfrage von Enno für das Dockville war jetzt eher eine Ausnahme. Das stelle ich immer wieder fest, das sind Erfahrungswerte. In England und Amerika ist das Interesse hundertfach größer. Aber das wird sich vielleicht noch ändern, hier in Deutschland ist ja jetzt auch einiges an Presse passiert über Neu! und über Hallogallo 2010.

Wie ist das Touren mit Hallogallo 2010 bisher verlaufen? Wie sind die Reaktionen auf euer Projekt?

Steve: Wir haben bisher ja nur wenige Shows gespielt, also läuft das Touren bis jetzt easy für uns. Wir arbeiten sehr selbständig und sind ohne Crew oder Manager unterwegs. Wir fahren einfach zu den Shows, bauen auf und ziehen unser Ding durch. Und die Reaktionen darauf sind bisher auch nur gut.
Michael: Ich würde noch einen Schritt weiter gehen und sagen, dass sie sogar umwerfend gut waren! In New York kamen 5000 Besucher.
Steve: Ja, das war ein Outdoor Event im Lincoln Center letztes Wochenende.

Also läuft es schon gut, aber ihr denkt, es geht noch weiter hinaus?

Michael: In Deutschland könnte ruhig noch mehr passieren. Aber es ist ja auch eine Tendenz der deutschen Presse, das zu reflektieren, was die britische oder amerikanische Presse über unsere Musik sagt. Das lief auch in den Neunzigern schon so. Die deutsche Presse hat angefangen, sich für meine Musik zu interessieren, nachdem Julian Cope den Krautrock-Sampler veröffentlicht hat. Plötzlich waren sie stolz, auch einen Lokalhelden dieser Szene abfeiern zu können. Das kam also nicht von allein, sondern die Musik musste erst an Deutschland herangetragen werden, sozusagen. Mal sehen, ob das mit Hallogallo auch so funktionieren wird.

Steve und Aaron, wie kamt ihr zu diesem Projekt? Und wie kamt ihr eigentlich in Kontakt mit der Musik von Neu!?

Aaron: Ich hab früher in einem Plattenladen gearbeitet und wenn man Musikfan ist, dann bleibt es nicht aus, dass man früher oder später auch über den Namen Neu! stolpert. Ich würde sogar sagen, dass, wenn man Hendrix und die Beatles kennengelernt hat, der nächste logische Schritt die Musik von Neu! ist. Es ist einfach eine Band, um die man als Musikbegeisterter nicht herum kommt.
Steve: Ja, genau. Es ist eine dieser Bands, die Freunde sich untereinander empfehlen und auf Mixtapes packen. Oder wenn du ziellos in einen Plattenladen gehst, ist Neu! auch eine der ersten Sachen, die der Besitzer dir ans Herz legen wird.
Aaron: Und Michael hab ich dann bei einem Konzert seiner Band Harmonia kennengelernt. Er hat beim ATB Festival in England gespielt im Jahr 2008 und ich war als Mischer dort. Und wie das dann so ist: Gegen Ende der Nacht hingen wir noch zusammen rum und hatten eine Menge Spaß. Dann kamen Harmonia auch zur ATB Party in New York und ich musste unbedingt wieder mischen. Das konnte ich keinen anderen machen lassen. Es wäre unerträglich gewesen, einfach nur im Raum zu stehen und mitzubekommen, wie jemand anderes den Sound macht. So kam es dann dazu, dass wir uns irgendwann zu dritt mit Steve zusammengefunden und einige Aufnahmen gemacht haben. Und jetzt sind wir eine Liveband. So kann es laufen.

Und jetzt seid ihr schon auf Tour unterwegs. Aber wie bereitet ihr euch eigentlich auf die Shows vor? Wie schafft ihr es, zum Proben zusammenzukommen?

Steve: Ich war schon im Mai in Deutschland und hab mit Michael einige Zeit verbracht. Dort konnten wir uns schon Gedanken machen über die Konzerte. Außerdem haben wir uns letzte Woche alle in New York zusammengefunden, um Vorbereitungen zu treffen.
Michael: Aber um ehrlich zu sein, finden klassische Bandproben bei uns gar nicht statt. Wir proben auf der Bühne. Das Treffen im Mai und in New York hochgerechnet waren wirklich nicht mehr als 4 Tage Probezeit. Steve und Aaron sind erfahrene Musiker und wir wissen alle, in welche Richtung es mit der Musik gehen soll. Das passiert somit größtenteils beim Livespielen, dass man sich in die Musik einfindet und experimentiert.

Also finden bei euch die Proben auf der Bühne statt, wenn man so will?

Michael: So läuft es, ja. Wir werden für’s Proben bezahlt!

Wenn ihr in den USA tourt, ladet ihr ja auch gerne mal Gastmusiker zu euch auf die Bühne ein. Könntet ihr euch vorstellen, beispielsweise mit John Frusciante was auf die Beine zu stellen?

Michael: Die Band, so wie sie jetzt ist, ist auf jeden Fall das Team, das live agiert. Das ist die Grundaufstellung. John ist ein guter Freund von uns, der aber derzeit ziemlich viel um die Ohren hat. Er nimmt Musik auf, jeden Tag, so wie er es immer macht. Natürlich würde ich es klasse finden, mit John zu arbeiten, aber präzise Pläne dafür gibt es derzeit nicht. Benjamin Curtis wäre auch ein Kandidat für die Bühne, er ist ein guter Freund und weltklasse Gitarrenspieler. Aber er hat auch gerade erst mit School Of Seven Bells ein neues Album herausgebracht und ist somit beschäftigt. Wäre dem nicht der Fall, hätten wir ihn bestimmt mit im Boot. Aber generell ist es so, dass das Publikum nichts verpasst, wenn wir ’nur‘ in der derzeitigen Aufstellung auf der Bühne stehen. Das funktioniert wunderbar.

Aber wenn ihr noch jemand weiteres mit auf die Bühne holt, was denkt ihr, wie sich das auf die Performance und den Sound auswirkt?

Michael: Das wird man dann sehen, wenn es passiert.
Steve: Bisher hatten wir noch niemand weiteren mit auf der Bühne auf dieser Tour.
Michael: Ich denke es gibt einige Musiker dort draußen, die gerne bei uns mitmachen würden. Wer auch immer bei uns mit auf die Bühne kommt, wird ein angesehener Musiker mit seiner ganz eigenen Geschichte sein. Somit wird das sicherlich auch einen Effekt auf das Gesamtergebnis haben. Aber ich bin froh, dass wir das Projekt Hallogallo 2010 derzeit überhaupt so umsetzen können. Ich hatte schon viele Jahre darüber nachgedacht, selbst zu den Zeiten, als ich noch mit Harmonia unterwegs war. Aber da war ich ziemlich eingeschränkt aufgrund der Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Band. Das ist bei Hallogallo 2010 jetzt anders. Es gibt keine Grenzen, wir können einfach unserem Weg folgen.

Eine Frage an dich, Michael. Dein letztes Soloalbum erschien 2004. Gibt es Pläne für neue Musik?

Michael: Ich hab in letzter Zeit wirklich viel gearbeitet und viel Musik gemacht. Die Arbeit an der Musik scheint immer mehr zu werden. Aber darüber will man sich nicht beschweren, das hängt mit der wachsenden Aufmerksamkeit zusammen, die man uns schenkt. Die Nachfrage nach der Musik ist einfach groß. Aber im Moment ist es einfach unmöglich, ein neues Album herauszubringen. Dafür fehlt die Zeit. Ich musste auch viele Angebote bereits ablehnen. Fuck Buttons haben mich beispielsweise gefragt, ob ich einen Remix machen will – Ging leider nicht, keine Zeit. Aber früher oder später werde ich auch wieder Zeit für so etwas und für ein Soloalbum haben. Das wird schon passieren, wenn ich lang genug lebe! Vielleicht wird auch Hallogallo 2010 noch Früchte tragen und sich weiter ausdehnen.
Steve: Wir bringen ja demnächst bereits eine erste Single raus.
Michael: Das stimmt. Wir haben zusammen in den Sonic Youth Studios eine Session gemacht und Aaron hat die Aufnahmen bearbeitet. Und diese werden nun als 7″ erscheinen. Bisher gibt es nur einige wenige Platten, weil wir gerade erst Exemplare aus dem Presswerk bekommen haben.
Steve: Bisher gibt es die nur bei uns persönlich bei Shows zu erwerben, im Handel gibt es sie noch nicht.

Könnt ihr denn schon absehen, wann die regulär veröffentlicht wird?

Steve: Wenn alles gut läuft, wird das innerhalb der nächsten zwei Wochen passieren. Wenn wir von der Tour nach Hause kommen, können wir es an den Vertrieb schicken und die 7″ in die Läden kriegen.
Aaron: Derzeit falten wir alle Exemplare, die wir haben, aber noch selbst.

… Macht ihr nicht.

Aaron: Doch, echt!
Michael: Das ist Underground!

Ihr seid alle schon sehr lang in der Musikszene unterwegs. Wie hat es sich für euch verändert, Musik zu machen? In den 80er Jahren war es ja noch um einiges schwieriger, elektronische Musik zu machen, wo heutzutage alles über den Computer möglich ist…

Michael: Da muss ich als Erster antworten, weil ich bei weitestem der Älteste von uns bin. Als ich angefangen hab, Musik zu machen, war das Arbeiten noch wie mit einer Dampfmaschine. Am Anfang hatte ich nicht mehr als einen Mono-Kassettenspieler. Das war die einzige Möglichkeit, Ideen zu entwickeln und aufzunehmen. Das war auch bei den ersten beiden Neu!-Alben alles, was ich hatte, um an der Musik zu arbeiten. In guter Qualität aufgenommen wurde das dann erst vor Ort im Studio. In den Siebzigern hab ich mir dann eine 4-Track Maschine zugelegt. Aber ein richtig professionelles Studio daheim konnte ich mir erst nach dem Erfolg meiner ersten beiden Soloalben zulegen. Die Geräte waren dann auch für 15 Jahre gut genug. Mitte der Neunziger bin ich dann auf Hard-Disc Systeme umgestiegen. Aber die alten Sachen haben immer noch ihren Charme. Als John Frusciante mich besucht hat, ist er beinahe in Tränen ausgebrochen, als er den analogen Kassettenspieler gesehen hat. Er meinte, ich solle unbedingt darauf aufnehmen, die Aufnahmen würden so viel besser werden… Also, die Geräte hab ich immer noch, so etwas wird ja nicht alt. Auf jeden Fall hat Technologie einen Einfluss auf die Musik und auf den Sound, den man kreieren kann. Aber die Idee ist immer das Wichtigste, war immer das Wichtigste und sollte immer das Wichtigste sein.
Steve: Ich denke, Michael hat das schon gut umschrieben. Wir haben das ja alle erlebt, wie Musik entsteht, wie Bands sich formen und wie alles schließlich auf die Bühne kommt. Man könnte ganze Bücher darüber schreiben, wie sich diese Sachen in den letzten Jahren verändert haben…

Das war es dann auch mit den Fragen. Vielen Dank für das Interview!

Steve: Gutes Timing!
Michael: Danke!


Fotos vom Hallogallo 2010 Auftritt beim Dockville gibt es hier.

One comment

Wir freuen uns über deinen Kommentar: