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Locas In Love – Lemming

Wir könnten uns an dieser Stelle darauf einigen, dass es im folgenden Artikel explizit um das neue Album Lemming von Locas in Love gehen soll, dass wir uns nur über die neuen Stücke unterhalten, Hintergrundinformationen abklappern und Bezüge zu den älteren Alben oder anderen Künstlern herstellen, doch genau das wäre der Band gegenüber nicht fair. Wer so viel Hingabe in die Musik steckt, soll einmal nicht mit einem Artikel abgefertigt werden, der sich von den anderen Beiträgen, die in diesen Tagen bei diversen Medien erscheinen, nur banal unterscheidet. Hier wird es jetzt persönlich und das mit gutem Grund. Lemming, oder der Versuch einer Rezension

Wenn alles gesagt ist und die Worte ausgehen und die Reime und die Satzzeichen und das meiste eine Wiederholung ist oder nichts bedeutet, muß jeder Satz eine Entscheidung sein. Und keinen Satz, kein Wort, nicht einmal ein Komma schreiben, nur um es zu schreiben. Es gibt keine Zeilen mehr, die so noch keiner geschrieben hat, also schreib sie so, daß sie wenigstes für dich selber notwendig sind. Alles sagen, was sich mit den Worten und den paar Akkorden sagen läßt, die zur Verfügung stehen und dann von vorne anfangen und nach irgendetwas suchen, was wahr ist und was scheinbar kein anderer weiß.
(aus Locas In Love – vs Kong)

Vor mehr als 2 ½ Jahren ging meine damalige Beziehung zu Ende. Die letzten Worte waren gesprochen und die Resignation gemischt mit alten Gefühlen; Neuordnung noch nicht wirklich möglich. In diese Zeit fiel die Ankündigung eines Winterkonzertes im Alten Pfandhaus in Köln von einer Band, die ich bis dahin noch gar nicht so richtig wahrgenommen hatte, in deren Begleitvideos zu ihrem neuen kommenden Album Winter aber Plätzchen gebacken oder am Rheinufer mit heißen Maronen und Lebkuchen gepicknickt wurde. Zusätzlich löste die Textzeile „vor zwei jahren war der aachener weiher zugefroren, man konnte von einem ufer zum anderen über’s wasser gehen“ einen Hauch Kölner Lokalpatriotismus in mir aus, dass mir gar nichts anderes übrig blieb, als mir sowohl eine Karte für diese betitelte Wintergala als auch die beiden Platten Sachen und What matters is the poem der eben besagten Band Locas In Love zu kaufen.

Es folgen einige Wochen, in denen ich den Weg zur Universität durch die Straßen von Köln nicht ohne Locas In Love auf den Ohren auf mich nehmen konnte. Zu viel steckte in den Liedern, deren Sprache und Musik mit so viel Liebe zum Detail ineinander gewebt waren, dass ich, obwohl ich die Band erst seit kurzer Zeit kannte, bereits an dieser Stelle in ihrer Musik etwas fand, das mir bis heute nur wenige Künstler vermitteln: Aufrichtigkeit. Wenn man ein Album wie Saurus hört, weiß man, dass die Personen, die hinter diesen Liedern stecken, niemals etwas halbherzig machen würden; etwas, hinter dem sie selber nicht stehen können. Eigenschaften, die damals genau das waren, was ich an diesem Punkt brauchte und was ich schon lange Zeit gesucht, aber niemals in dieser Form gefunden hatte. Die Wintergala war dann auch entsprechend ein großer Moment, der mir zeigte mit welcher Sympathie und Hingabe die Band agiert: Wie sehr Sänger und Gitarrist Björn Sonnenberg immer darauf achtet, dass auch jeder Zuschauer genügend sehen kann und sich jeder wohl fühlt, wie schüchtern Sängerin und Bassisten Stefanie Schrank anfangs als Person wirkt, um dann in Liedern wie „Zum Beispiel ein Unfall“ dieses Bild komplett zu verwerfen und wie unscheinbar Jan Niklas Jansen den Platz im Hintergrund einnimmt, um dann mit seinem Gitarrenspiel wieder auf sich aufmerksam zu machen. Das Konzept Band perfekt umgesetzt, in dem das Zusammenspiel als Ganzes zur ästhetischen Einheit verschmilzt und dadurch Freundschaft und Haltung in einem vermittelt.

Im Publikum der Wintergala saß damals auch mein jetziger bester Freund, den ich aber erst zwei Wochen später durch Zufall beim Sir Simon Battle-Konzert kennenlernte und wir schnell merkten, dass wir uns alleine schon perfekt verstanden, weil wir eine gemeinsame Liebe für Locas In Love teilten und bereits in diesen Tagen das Urteil „hat halt kein Herz“ über Personen fällten, die diese Leidenschaft nicht teilen konnten oder wollten. Und nur zwei Jahre später sitze ich mit eben diesem besten Freund in seinem WG-Zimmer, während wir beide Wein trinken und das neue Locas In Love-Album Lemming immer wieder hören, über das wir beide schreiben sollen. Er ein Porträt der Band, ich eben diesen Artikel. Jedes Lied wird innigst besprochen, erste Favoriten gewählt und versucht, die Songs, die man von den Konzerten kennt, mit den Studioaufnahmen zu vergleichen. Ein Moment, wie man ihn von früher kennt, es heutzutage bei neuen Alben leider kaum noch gibt. Doch nicht nur diese Situation alleine beweist die Größe von Lemming.

So ist einem schon beim ersten Song „Über Nacht ist ein ganzer Wald gewachsen (Das Licht am Ende des Tunnels ist ein Zug)“ klar, dass wenn ein Album mit den Worten „ich höre wieder stimmen und erhalte wieder befehle“ beginnt, es eine spürbare Relevanz besitzt, die sich im Dialog zwischen Björn und Stefanie bis zum Fazit des Ganzen aufbaut und entlädt: „das licht am ende des tunnels ist ein zug“. An dieser Stelle könnte man vielleicht von Resignation oder gar von Kapitulation sprechen, aber da ist dann doch die Kraft, die im Laufe des Albums nach vorne drängt. „Es ist alles wirklich so schlimm wie es scheint“ heißt es zwar im gleichnamigen Song, jedoch mit dem zweiten direkt darauffolgenden Zusatz: „glaub an mich wenigstens noch zehn minuten / gib mir bitte so viel kraft, dass ich durchhalte / […] vielleicht ändert sich alles“. Hier beweisen Locas In Love viel deutlicher als auf ihren letzten Alben die Kunst, Möglichkeiten aufzuzeigen, die in jedem Impuls mitschwingen oder wie es in „Manifest“ so schön heißt: „mein herz ist groß genug für ein hass und eine liebe“. Man muss die Musik nicht auf Monotonie oder thematische Konzentration reduzieren, denn die findet sich auch nicht im Leben selber. Und so wird der Versuch, alle umfassenden Register des eigenen Lebens auszuhebeln, sich aber eben mal nicht in dieser Perspektive emotional auf nur eine Sache beschränkend zu verlieren, zu einer der schönsten und ehrlichsten Liebeserklärungen überhaupt: „ich kann ohne nation leben, ohne gott / aber nicht ohne dich / ich kann ohne band leben, ohne staat / aber nicht ohne dich / und bei aller wut, die ich habe / und um die es andauernd geht / bleibst du das schönste thema für mich“. Alles dann natürlich im Hinblick auf das eigene Schaffen als Künstler mit dem „Kunst kommt von Müssen, nicht von Dürfen“-Gestus, der sich in „Lemming (Es wird immer dasselbe sein)“ verfestigt. Der Lemming, der sich auf der Suche nach einem unbekannten Ort nicht von der Klippe, sondern in einen viel schlimmeren langsameren Tod stürzen muss: das Leben selbst, mit den immer wiederkehrenden Sehnsüchten, Wünschen, Zwängen und Verlusten. „ich habe so viel sehnsucht danach / dass alles übersichtlich ist und alles einfach / gelassener zu sein, ich wünschte ich könnte / darüber hinweg sehen, wie schrecklich ich die welt finde / und es wird immer dasselbe sein / und es wird immer so weiter gehen“. Und doch ist zum Schluss mit „Die Zehn Gebote“ wieder die Liebe und die Freundschaft der ruhende Pol, denn wenn wir uns zumindest in dem einen Punkt gleichen, dass keiner von uns in nächster Zeit sterben will, muss man sich nicht unnötig auf Abgrenzung konzentrieren, sondern kann sich abschließend den Dingen zuwenden, die man sonst zu häufig aus dem Blickwinkel verliert: „und das einzige das ich habe / ist dass du bei mir bist / also kommst du mit ins autokino / sie zeigen die zehn gebote„.

Wer sich an dieser abschließenden Stelle eine weniger mit Erinnerungen überlagerte Meinung zu Lemming gewünscht hätte, dem sei die Rezension von Jakob bei Rote Raupe empfohlen. Ich kann es nicht anders ausdrücken, als in den vorangegangen Zeilen und der Versuch, dies alles in eine von Superlativen überfüllte Besprechung zu packen, ohne vorher den Weg dahin zu erklären, wäre nicht angebracht und passend gewesen. Vielleicht hätte ich es aber auch komplett auf das oben bereits erwähnte Urteil reduzieren können, das ein wenig reißerisch aussagt, was für mich auch nach Lemming immer noch Gültigkeit besitzt: Wer Locas In Love nicht mag, hat halt kein Herz!

foto: katja ruge


VÖ: „Lemming“ erschien am 01. Juli 2011 bei Staatsakt.

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