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Im Gespräch mit Saalschutz

Was ist das sonst immer für ein Aufwand: Man schleppt sich mit einem halben Tonstudio zum Konzert, um mit der auftretenden Band noch ein Interview zu führen. Im Falle von Saalschutz läuft das aber anders! M T Dancefloor war in Hamburg und hat uns in den eigenen vier Wänden für ein Interview zum neuen Album und allem drumherum besucht. Wie das entspannteste Gespräch, das wir jemals geführt haben, ablief, kann nun nachgelesen werden. Viel Spaß damit!

…Mach’s dir bequem.

M T: Ich bin total relaxt!

Du bist gerade in Hamburg und nimmst bei Norman aka Der Tante Renate das neue Saalschutz-Album auf. Wie läuft’s denn?

M T: Es läuft hervorragend! Es gibt zwischendurch immer kleinere Zweifel, aber das liegt dann ja nicht an Norman’s Arbeit, sondern eher daran, dass ich gesangsmäßig oder textlich nicht zufrieden bin. Ich brauche generell sehr lange, um Texte zu schreiben. Und mit der Technik gibt es auch ab und an Probleme, da Norman und ich mit zwei unterschiedlichen Programmen arbeiten. Aber es ist das erste Mal, dass ich schon zu diesem Zeitpunkt ziemlich zufrieden mit den Songs. Wir haben einen guten Workflow, ich bin ja auch schon zum dritten Mal in Hamburg wegen der Platte. Nachdem man so lange keine neue Musik mehr gemacht hat, wie das bei uns der Fall ist, ist das natürlich beruhigend, wenn das so gut klappt.

Bisher habt ihr sieben Songs fertig. Wie viele sollen es denn werden?

M T: Ich fände es gut, wenn wir am Ende so zehn Songs haben, das ist dann eine schöne Albumlänge.

Bis Freitag bist du noch in der Stadt. Denkst du, ihr bekommt das fertig?

M T: Nein, im Juli komm ich nochmal nach Hamburg.

Warum bist du eigentlich immer allein in der Stadt, ohne Bandkollegen Flumroc?

M T: Es geht ja nur ums Einsingen. Und beim Produzieren ist das meistens so, dass Norman Vorschläge macht und sich Sachen ausdenkt, von denen ich keine Ahnung hab! Und Flumroc auch nicht! Von daher ist das ausreichend, wenn ich hier bin. Bei Norman ist es eh ziemlich eng im Studio. Und so spart man sich die drei Köche. Du weißt ja, wie das ist mit den Köchen und dem Brei. Okay, die Platte wird eh nach Brei klingen, aber sie soll zumindest nicht nach verdorbenem Brei klingen!

Wieso habt ihr euch dazu entschlossen, die Platte bei Norman produzieren zu lassen und nicht irgendwo bei euch um die Ecke? Vertraut ihr Norman so sehr?

M T: Das frag ich mich auch immer! Aber wir kennen Norman ja schon eine ganze Weile inzwischen. 2004 haben wir ihn einfliegen lassen zur Releaseparty unserer damaligen Platte und wir kennen uns einfach seither. Für Norman’s letztes Der Tante Renate Album hab ich ja auch bei einem Track mitgewirkt. Und da haben wir gemerkt, wie gut das funktioniert bei uns. Ich fand das sehr schön. Ich weiß ja nicht, wie Norman darüber denkt! Aber wir haben oftmals die gleichen Ideen. Das ergänzt sich gut. Und hinzu kommt, dass er einfach der einzige ist, der denkt, dass er für den Kram den er macht, tatsächlich noch Geld von uns kriegt!

Also bastelt ihr da die ganze Zeit rum und am Ende heißt es nur ‚Nett, dass du das gemacht hast‘!

M T: Ja, klar. Wir fragen dann nach dem Vertrag und es gibt einfach keinen. Du weißt ja, wo wir herkommen. In der Schweiz läuft das so. Nein nein, ist alles Quatsch. Das läuft alles fair ab…

Ist es euch denn auch wichtig für euch, in der Familie zu bleiben?

M T: Es ist nicht so, dass wir denken, dass man das nur bei Audiolith machen kann. Aber es ist auf jeden Fall ein sehr angenehmes Umfeld und es sind einfach die Leute, die wir am besten kennen. Außerdem macht Norman das gut. Er lässt uns trotz seiner Arbeit nach uns klingen. Unsere Platte wird wohl viel weniger Electro-mäßig als das, was er sonst macht. Wir wollten ja auch einen neuen Akzent setzen und ein bisschen in eine andere Richtung gehen. Es soll inspirierend sein für die Leute, die das hören. Es ist jetzt auch nicht revolutionär neu für Saalschutz, aber wir schlagen einen neuen Pflock ein in das Audiolith-Universum und ob die Leute das dann positiv aufnehmen oder nicht, das wird man dann ja sehen.

Und was genau ist an dem neuen Album anders… Was hat sich sound- oder style-technisch verändert?

M T: Wir haben uns unstyletechnisch verändert! Wir haben extrem viel investiert in Look!

Also habt ihr euch teure Uhren gekauft und neue T-Shirts?

M T: Und teure Autos! Naja, ernsthaft: Als wir angefangen haben, haben wir ja extrem viel auf dieser Dance-Schiene gearbeitet. Davon sind wir inzwischen ziemlich abgekommen. Die neuen Sachen sind aggressiver, punkiger und wir beziehen konkreter Stellung. Außerdem wirkt das Album offener auf mich. Wir suchen immer nach neuen Einflüssen. Jetzt haben wir auch Baltimore-Elemente drin, Tribal-Sachen und Dubstep-Parts. Wir haben uns soundmäßig viel eher von Rockbands als von elektronischen Künstlern beeinflussen lassen. Es ist immer noch elektronische Partymusik, die wir machen, aber sie ist nicht mehr so funktional und formathaft wie früher. Es ist jetzt songorientierter.

Ihr habt ja auch richtige Gitarren und teilweise sogar Heavy Metal Parts auf der Platte. Meinst du nicht, dass schreckt die normalen Saalschutz-Hörer eher ab?

M T: Ich glaube nicht. Ich denke, die Leute, die uns mögen, sind sehr offen. Die mögen uns ja gerade deswegen, weil sie offen sind. Wir haben ja kein Image. Mit uns verbindet keiner eine gewisse Aussage. Wir wollten mit solchen Sachen einfach unser Spektrum erweitern. Wir hatten keine Ahnung von dem, was wir machen, als wir damit angefangen haben. Wir sind Quereinsteiger und Autodidakten.

Und wird sich auch live etwas verändern?

M T: Ja, wir werden teilweise mit neuem Equipment arbeiten. Ich hab einen neuen Sampler, der sehr fett klingt. Den werden wir mitnehmen. Wir kaufen uns ja immer so kleine Geräte hier und da, da wir live vollkommen ohne softwarebasierte Computer arbeiten. Das entsteht alles aus Hardware und Instrumenten heraus. Basierend auf Drumcomputer und Synthesizer.

Ihr werdet demnächst auch beim MELT! Festival auftreten, am offiziellen Audiolith Pferdemarkt Opening Abend. Der Parkplatzrave damals ging ja schon extrem gut ab. Freust du schon auf das Revival?

M T: Ich freu mich tierisch, dass wir dabei sein dürfen. Der Parkplatzrave damals war sogar Flumroc’s Idee und kam, wie du gesagt hast, wahnsinnig gut bei den Leuten an. Diesmal werden wir aber neue Songs spielen, werden extrem viel Glitzerzeug mitnehmen und heftigst…. ablosen. Ach, ich weiß noch nicht, wie das läuft, aber dadurch dass wir alles per Hand machen, kann da in der Aufregung schonmal was schiefgehen. Ohne Software zu spielen ist ja eine fehleranfällige Angelegenheit. Aber das wird schon klappen!

Seit 2006, als euer letztes Album „Saalschutz macht’s möglich“ rauskam, hat man nicht mehr viel von euch gehört. Du hast ab und an als DJ was gemacht, aber von Flumroc hat man gar nichts mehr gehört. Was habt ihr denn in all der Zeit gemacht?

M T: Wir sind ziemlich viel getourt in den letzten Jahren. In der Schweiz, in Deutschland, in Tschechien, in Serbien, in Holland… Und das obwohl wir ziemlich reisefaul sind. Wir hatten allerdings wenig Ideen für neue Songs und haben immer die alten Sachen gespielt. Aber auch da haben wir variiert und zum Beispiel einen Abend als Rockband gespielt. Richtig mit Drummer, Flumroc hat Bass gespielt und ich war an der Gitarre. Das war im Helsinki Club in Zürich. Das haben wir zweimal gemacht und extra all unsere Songs dafür umgeschrieben.

Und es lief nicht so gut und deshalb habt ihr’s nur zweimal gemacht?

M T: Nee, das lief super, daran lag es nicht! Aber wir wollten das einfach nicht zur Gewohnheit werden lassen. Das sollte ja nicht das neue Konzept sein. Das war einfach aus Spaß, diese Aktion. Und ansonsten, wie du schon gesagt hast, hab ich wieder mehr aufgelegt. Und das ziemlich viel, manchmal jedes Wochenende. Außerdem hab ich mitgeholfen, eine Partyreihe zu gründen in Zürich. Und bei einer weiteren Assistenz geleistet!

Wie heißen die beiden Partys?

M T: Crashflow und Sabotage. Das war dann mit der Zeit schon ziemlich viel, was ich um die Ohren hatte. Und dann bin ich nicht so schnell wieder in die Musik reingekommen. Aber irgendwann kamen Gott sei Dank die Ideen zurück, sodass wir jetzt wieder anfangen konnten mit neuer Musik.

Und was hat Flumroc sonst noch gemacht, während du als DJ unterwegs warst?

M T: Der macht viel im Immobilienbereich… Vermietet Schlösser in der Schweiz an korrupte Prominente.

Du hast bei „Das Leben ist tödlich“ auf dem letzten Egotronic Album mitsingen dürfen. Wie kam es denn dazu?

M T: Egotronic haben „Ausflug Mit Freunden“ gemacht und da sehr viele Features mit Leuten von Audiolith untergebracht. Und ich war einer davon! Torsun hat mich einfach gefragt, ob ich mitmachen will. Das wollte ich natürlich gerne. Den Text haben wir zum Teil in Torsun’s Küche geschrieben, zum Teil auf dem Weg von meiner Unterkunft zu Torsun’s Wohnung und den Rest haben wir zu dritt vor Torsun’s Computer geschrieben. So kam das alles zusammen.

Und hat allen Beteiligten Spaß gemacht?

M T: Ich kenn Torsun ja auch schon ewig. Seit 2001 oder so. Da hat er Konzerte in Kassel organisiert, als er da noch gewohnt hat und so sind wir uns über den Weg gelaufen. Wir verstehen uns bestens. Und auch bei den Aufnahmen war alles super – Bis auf die Tatsache, dass es in der Wohnung, wo ich übernachtet hab, arschkalt war. Das war bei einem Kumpel und wir haben das Thermostat nicht gefunden. So hatten wir nie mehr als 5° da drinnen. Aber die riesige DVD-Sammlung hat alles wieder wett gemacht. Doch was mir aufgefallen ist: Das war schon ziemlich wie ein Bürojob. Man steht früh auf, macht den ganzen Tag seine Sachen, isst zwischendurch was, guckt abends noch ein Filmchen und legt sich wieder pennen, um am nächsten Tag fit zu sein. Das kann schon wirklich anstrengend sein. Wenn man immer noch an Kleinigkeiten herumfeilt, die der Hörer vermutlich nicht einmal bemerken würde, aber die einen als Musiker unglaublich stören.

Kommen wir mal zu den neuen Songs. „In deiner Nähe sein“ ist einer davon und dort hat Richard von der Schulenburg mitgewirkt. Kannst du dazu mehr erzählen?

M T: Ja, der spielt bei dem Song das Keyboard. Der war zu dem Zeitpunkt grad in Zürich und ich hab ihn gefragt, ob er Bock hat, sich die neuen Sachen anzuhören. Da stand noch nicht einmal der Text und er hat das einfach so eingespielt, wie es zum Arrangement passte. Das fanden wir gut, dass er das gemacht hat, da dieser Mann im Gegensatz zu uns in der Lage ist, mehr als eine Taste auf einmal zu betätigen! Er ist ja geübter Keyboarder und Orgelspieler.

Ein weiterer Song auf der neuen Platte ist „LaserBoy Erwacht“ von der Band GammaBlitzBoys. Wieso covert ihr den?

M T: Weil uns das Lied gefällt! Kennengelernt haben wir das über Torsun, weil der mal mit Egotronic bei einer Party aufgetreten ist, wo auch GammaBlitzBoys involviert waren. Und dann bin ich dort auf das Myspace-Profil gegangen, hab mir das angehört und fand die Songs gut. Eigentlich wollten wir mit Saalschutz auch mal ein Cover von „Wie Am Ersten Tag“ von der Ärzten machen. Das haben wir ja auch schon öfter mal live gespielt. Aber deren Verlag hat uns das verboten… Aber zwei Cover für ein Album wären wahrscheinlich eh zu viel gewesen. Wir haben ja vorher noch nie ein Cover aufgenommen. Auch wenn wir live schon immer gerne gecovert haben. „Geh Doch Nach Berlin“ von Angelika Express und ähnliches.

Und warum habt ihr euch dann entschlossen, ausgerechnet den GammaBlitzBoys Song jetzt aufzunehmen?

M T: Das find ich im Nachhinein betrachtet einfach echt die beste Idee. Ärzte kennt jeder, Angelika Express hat man auch schonmal gehört. Aber wenn man so eine recht unbekannte Band covert, dann wird das zu so einem kleinen Liebhaber-Ding. Das finden wir ganz schön.

Kennt ihr die denn auch persönlich?

M T: Nee, noch nie getroffen. Nur über Facebook, was sonst!

Eine brandaktuelle Frage: Derzeit ist WM. Interessiert dich das alles?

M T: Nee. Ich freu mich immer nur, wenn eine Mannschaft verliert. Ich bin weder für die Schweiz, noch gegen die Schweiz, es ist mir einfach vollkommen egal. Wenn jemand Freude daran hat, dass das Team seines Landes gewinnt, dann mag ich dem oder der das gönnen, aber mich persönlich berührt das einfach gar nicht. Ich bin für Sport nicht so begeisterungsfähig. Allgemein mag ich so Massenbewegungen nicht.

Aber Konzerte sind doch auch Massenbewegungen?

M T: Wenn man auf der Bühne steht, ist es natürlich angenehm, wenn es solche Gruppierungen gibt, aber selbst in der Menge stehen mag ich gar nicht. Vielleicht ist das auch einfach der Mangel an Extrovertiertheit. Ich leb das auf der Bühne total aus, aber das reicht mir dann auch. Das ist so ein bisschen mein persönliches Dilemma, ich bin ja eigentlich eher schüchtern, wenn ich mich da auf der Bühne präsentieren soll und nicht unbedingt der geborene Entertainer…

Eine Frage, die mir zum Schluss noch auf dem Herzen liegt: Euer Booker Artur erzählte mir einst, dass du bei einem DJ-Auftritt zu viel Gage bekommen hast. Was war da denn bitte los?

M T: Zu viel Gage kann ich ja eigentlich gar nicht bekommen, aus meiner Sicht! Ich wusste gar nicht, was vereinbart war und ich habe danach auch nicht verlangt. Ich hab einfach vor Ort ein Bündel Geldscheine in die Hand gedrückt bekommen und dann wurde mir danach gesagt, dass das zu viel war. Dann wollte ich einen Teil zurückgeben, aber das war denen dann auch nicht recht. Da war ich DJ auf irgendeiner Audiolith Tour. Ich hab vergessen, welche das war. Aber sowieso: Meine Arbeit als DJ rechtfertigt ja wohl jede überhöhte Gage! An dieser Stelle schreibe bitte noch ‚In Klammern: lacht‘ dahinter…

Wird gemacht. Das war es mit den Fragen. Vielen Dank für das Gespräch!

M T: Danke!


Hier entlang zu unserem Interview mit Saalschutz aus 2008.

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