Michel Serres – Das eigentliche Übel

Michel Serres - Das eigentliche ÜbelDas Changieren zwischen den Disziplinen, die oft literarisch annmutenden Ausformulierungen von Überlegungen und Thesen, die gedanklichen Sprünge und Verkürzungen – dies alles sind Assoziationen die entstehen, wenn man an Werke der französischen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts denkt. Auch Michel Serres, zurzeit Professor an der Kalifornischen Stanford University, gehört – trotz aller Differnzen, welche die französischen Philosophen voneinander trennen mögen – in diese Traditionslinie. Mit „Das eigentliche Übel“, liegt nun neuer Text des Autors in deutscher Übersetzung vor.

Verschmutzen, um sich anzueignen?“ lautet der Untertitel des Essays, den Serres im vergangenen Jahr verfasste und der von Alexandre Plank und Elisa Barth nun ins Deutsche übertragen wurde. Serres nimmt darin ein spannende sozial-anthropologische Perspektive ein: Er beschreibt die menschliche Strategie der An/Eignung als eine der Verschmutzung. Eigentum wird durch persönlichen Schmutz markiert. Präziser formuliert: Erst durch diese Beschmutzung entsteht überhaupt Eigentum. Serres lässt dabei wenig aus: Urin, Mist, Blut, Sperma sind paradigmatische Untersuchungspunkte. Menschliche Ausscheidungen in weitestem Sinne, hinterlassen auf Gegenständen und in Landschaften persönliche Spuren und so machen so Ansprüche geltend. Der Mensch geht in dieser Weise ähnlich dem Tier vor. Dabei wird im Fortgang der Analyse eine Unterscheidung zentral: die zwischen harten und weichen Verschmutzungen.

Doch zunächst beginnt die Betrachtung mit einer teils in die Etymologie führende Untersuchung der Termini des Sauberen und des Schmutzigen, die Serres in Wechselbeziehung mit dem Topos des Eigentums stellt: „Die Spucke verschmutzt die Suppe, das Logo den Gegenstand, die Signatur die Seite: Eigentum (propriété), Sauberkeit (propreté), dieselbe Schlacht, ausgedrückt durch dasselbe Wort, denselben Ursprung und denselben Sinn. (vgl. S.9)“ Hotelzimmer müssen gereinigt werden, um für andere Menschen zur Verfügung zu stehen, sie werden laut Serres somit von der Markierung eines Eigentümers gereinigt. Dieser Analyse folgend „heißt eigen (propre) [entweder] angeeignet, aber bedeutet dann schmutzig; oder sauber (propre) heißt wirklich rein, und bedeutet dann also ohne Eigentümer (vgl. ebd.)“

In der modernen Welt (Technikgeschichte) stellt Serres bei der Strategie des Verschmutzens einen Übergang vom Subjektiven hin zum Objekt fest. Was einstmals durch Oragnisches markiert wurde (Urin, Mist, Blut, Sperma, etc.) wird verkürzt gesagt heute durch Apparate verschmutzt: Abfall, Krach, Graffitis, Abgase. Das ist der Bruch seiner Analyse und gleichsam neben der anthropologischen Grundperspektive einer der spannendsten Punkte der Untersuchung.

„Wir wissen wie man Müllmaschinen herstellt. Daher können Abwasserkanaäle, Sandrechen, Schornsteine der Teermaschinen, Lautsprecher… alle als Öffnungen gelten – Poren, Münder, Anus. Der Begriff der Kloake hat die beiden Bedeutungen reglos und lebendig. Auch der Akt des Verschmutzens geht in unseren Sprachen von der vitalen und religiösen Bedeutung, die man der Masturbation und dem Austreten des Spermas gegeben hatte, über zum Bereich der Industrieabfälle, und in der Evolution der Lebewesen vom Urin zum Abfall. (vgl. S.43)“

Diese anthropologische Perspektive nimmt Serres keinfesfalls um ihrer selbst willen ein. In der Hälfte des Essays offenbart sich der gesellschaftspolitische Anspruch: „Wir fragen uns nur nach unserer Verantwortlichkeit, wenn es um unsere Beziehungen zwischen physikalischen Quantitäten geht. Frage: Was wollen wir überhaupt, wenn wir die Welt verschmutzen? (vgl. S.45)“

Dass Serres diese Frage keinesfalls ohne Wut stellt, wird ziemlich schnell deutlich. „Meine Seite, mein Wut-Tag“, heißt es in Analogie zum Graffiti-Sprayer. Seine Untersuchung ist gleichsam eine von Ekel und Hass gezeichnete Triade gegen alle Kennezeichnungen der modernen Großstadt: Überflutung durch Werbeplakate und Endlosbeschallung durch Lärm, Verschmutzung der Natur durch Abgase und Chemie, etc. Dies alles führt, den Gedanken zuende gedacht, irgendwann aufgrund seiner expansiven Entwicklung zur vollkommenen Implosion. Hier wird auch deutlich, warum die Abwehr gegen jene Verschmutzung ernst zu nehmen ist: Es geht nicht um einen schlichten Affekt eines (Hyper-)Ästheten, sondern vielmehr – wenn man seiner Betrachtungsweise folgt – um die Äußerung eines existentiell werdenden Orts-Entzugs. Durch Verschmutzung werden nicht Räume angeeignet, sondern auch Andere ausgeschlossen. Orte werden entzogen. Die Expansion der Verschmutzung bedeutet schlicht: „Ich habe keinen Ort mehr.“

"weiche Verschmutzung" in New York?

Serres‘ Gegen-Utopie wäre das immer wieder angedeutete, spannende Modell einer Kosmokratie. Der Mensch wird hierin zum „Mieter der Welt“, die Welt zum „Hotel der Menschheit“ (vgl. S.79). Unter einem geschlossenen Naturvertrag darf sich kein Mensch mehr zum Herrscher oder Beherrscher der Welt machen. Die Methode des Entdeckens (als Befreien von Eigentumsschichten) wäre hier zunächst als Gegenbewegung zur Verschmutzung vorzuschlagen: „Die Enteignung der Welt“ (vgl. ebd.), der eine Enteignung des Subjekts folgt (Serres‘ spricht von einer Egonomie). Diese Schlussfolgerungen klingen zunächst entrückt, sind aber keinesfalls eine schlichte Reformulierung eines hippiesken Weltbildes, sie setzen eine andere anthropologische Grundannahme voraus, ihnen liegt ein anderes Welt-Bild zugrunde.

Fernab davon, wie man diese eher kurz angedeuteten Alternativen bewerten mag, ist Serres‘ ein äußerst spannender Essay gelungen, bei dessen Rezeption man wahrlich von einer Lese-Erfahrung sprechen kann! Worte, die in ihrer Materialität unter die Haut gehen und in ihrem Sinn beinahe existentiell aufrühren. Manch einem/einer wird hier aus der Seele gesprochen.

„Das eigentliche Übel“ erschien im September 2009 im Merve Verlag Berlin.

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