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Reeperbahnfestival 2009 – Ein Bericht

Sobald der Herbst sich ankündigt und die Temperaturen draußen zunehmend fallen, verschanzen sich die Musikfans Hamburgs schnell in den Clubs ihrer Stadt. Das letzte Festival des Jahres ist für viele das Reeperbahnfestival und somit zugleich der perfekte Übergang in die kommende Indoor-Zeit. Auch 2009 wurde wieder ausgiebig in den Clubs der Reeperbahn und Umgebung gefeiert. Wie letztes Jahr waren wir auch in diesmal dabei. Im Folgenden meine Sicht der Dinge…

Allgemein zum Festival: Das Reeperbahnfestival kann sich unter anderem wegen seiner geldbeutelfreundlichen Preispolitik so gut beweisen. Die Tickets liegen mit 55€ für drei Tage im Vergleich zu anderen Festivals sowieso in einem guten Rahmen, aber die Infrastruktur Hamburgs bietet natürlich auch für Kostenfaktoren wie Essen und Getränke die günstigsten Möglichkeiten. Kiosk und Tankstelle findet man an jeder Ecke und die Preise in den Clubs selbst variieren natürlich von Location zu Location, aber sind insgesamt auf normalen Konzertniveau. Das einzige Manko ist, dass man nicht zelten kann. Klar, das ist mitten auf der gewaltigsten Feiermeile der Stadt nicht machbar. Also müssen die Hotels her und wer sich dort mit dem Buchen nicht beeilt, muss entweder tiefer in die Tasche greifen oder nach den anstrengenden Abenden noch lange Strecken bis zum Bett zurücklegen. Aber seien wir doch ehrlich: So ein Hotelzimmer ist zwar teurer, aber eben auch um einiges komfortabler als eine Isomatte im Zelt…

So ist das Festival in seinem Kern gut organisiert. Es gab niemals lange Schlangen am Ticketcounter oder zu wenig Information. Jede Band spielte pünktlich und wie angekündigt, kein Konzert musste abgesagt werden. Aber das schwerwiegendste Problem, das auch schon im vergangenen Jahr sauer aufstoß und sich aufgrund von noch höheren Besucherzahlen verschlimmerte: Viele Besucher kamen nicht zu den Konzerten, die sie anschauen wollten, obwohl sie pünktlich da waren. Es sind halt nur die regulären Clubs und die sind nach einer gewissen Zeit bis zum Anschlag gefüllt. Aber dumme Aussagen der Securities wie: „Geht doch bitte eine Location weiter, da spielt auch noch Musik“ hört man doch eher ungerne, wenn man grad die ersten Töne der Lieblingsband von drinnen vernehmen muss.

Die Festivalorganisatoren haben so weit wie möglich versucht, die Besucher zu entzerren – Auf dem Timetable wurden viele spannende Acts zur gleichen Zeit auf die Bühnen gelassen. Klar, es können nicht alle Wünsche beachtet werden und bei so einer Masse an Acts ist es klar, dass früher oder später sich auch mal zwei Lieblingskünstler kreuzen. Aber wie man es sich denken kann, führte das lediglich zu weiterem Unmut, wenn man sich dann auch noch zwischen fünf persönlichen Favoriten entscheiden muss. Beispielsweise größtes Übel für mich (und sicher nicht nur für mich): Am Samstag Abend spielten Phantom/Ghost, Kante, Editors und Frittenbude zeitgleich. Ich hab mich dann schweren Herzens für Phantom/Ghost entschieden, aber dazu später mehr.

Nun aber zum Essentiellen: Der Musik. Das Festival begann für mich am Donnerstag Abend mit der Berliner Band Ikaria. Wir hatten die Jungs letztens im Interview, wo bereits fleißig über die zweite EP diskutiert wurde und nun konnte man die neuen Stücke, sowie ältere Lieblingssongs, auch endlich mal live genießen. Es war tatsächlich mein erstes Ikaria-Konzert und ich wurde nicht enttäuscht. Selbst auf der offenen Bühne des Spielbudenplatzes konnten sie noch die Intimität der Platte rüberbringen. Schade nur, dass der Sound so schlecht war. Das ist am Spielbudenplatz aber immer das Problem.

Nach dem Konzert schaute ich noch kurz im Imperial Theater vorbei, wo J. Tillman bereits spielte. Das Ambiente des Krimi-Kinos passte super zu Musik und die schwummrig rot beleuchteten Vorhänge sahen sogar so aus, als hätte die Band selbst sie als Inventar mitgebracht. Die Musik des hauptberuflichen Fleet Foxes-Drummer war wunderschöner und ruhiger Folk und die Band witzelte fleißig über den fantastischen Geschmack des deutschen Wassers.

Dann war aber auch schon Weiterhechten angesagt, leider für die Katz. Die Hasenschaukel, in der Björn Kleinhenz spielte, war so überfüllt, dass sich sogar schon die Menschen auf der Straße häuften. So war mein nächstes und auch letztes Konzert an diesem Abend erst wieder die legendären Dinosaur Jr. im D-Club. Schockiert war ich, als ich das Gespräch zweier junger Herren vor Konzertbeginn verfolgte. Der eine fragte stark angetrunken, wer denn hier jetzt spielen würde. Der andere fummelte seinen Zeitplan heraus, las den Bandnamen falsch vor und fügte ein „Kenn ich nicht“ hinzu. Publikum, das sich nur betrinken möchte und sich nicht für Musik interessiert. Nicht schön. Andere jedenfalls wussten dieses besondere Konzert zu schätzen. Denn als die amerikanischen Vorzeige-Noiserocker kurz nach Mitternacht die Bühne des trotz später Stunde randvoll gefüllten D-Clubs betraten, hoben sowohl jung als auch alt vor Begeisterung gröhlend die Hände in die Luft und es war genial, wie jegliche Altersbarrieren plötzlich aufgelöst schienen. Alle waren da, um diese Band zu sehen, die am Donnerstag Abend das definitive Highlight war. ich ließ es an diesem Abend ja bisher eher ruhig angehen, aber Dinosaur Jr. zeigten auf jeden Fall, wie gut sich Verstärker aufdrehen lassen. Auf einmal waren alle wieder hellwach und feierten alte Klassiker sowie neugewonnene Lieblinge vom aktuellen Album „Farm“ ab. Die Band um J. Mascis war ebenfalls sichtlich gut gelaunt und hat nach all den Jahren noch lang nicht ihre Spielfreude verloren. EIn gelungener Abschluss eines schönen ersten Tages, Dinosaur Jr. bekommt man in Hamburg ja nicht jeden Tag zu sehen. Danach war aber auch für die meisten Menschen Feierabend, denn der folgende Tag, ein Freitag, ist und bleibt für viele Festivalbesucher ein regulärer Arbeitstag.

Am Freitag stolperte ich dann rechtzeitig zum Beginn von Egotronic in den wohl schönsten Club der Stadt: Das Uebel&Gefährlich. Manch einer machte sich so seine Gedanken, ob 20 Uhr nicht zu früh für eine Band wie Egotronic sei, aber jegliche Zweifel waren unbegründet. Als ich vor Konzertbeginn das Ue&G betrat, war der Laden schon extrem gut gefüllt. Und spätestens als Egotronic auf die Bühne kamen, war dann auch in jedem einzelnen Zuschauer die Feierlaune geweckt. Die Band selbst hatte mit Platzproblemen auf der Bühne zu kämpfen, da bereits das Equipment für die nachfolgenden Das Pop mit aufgebaut war. Letzten Endes hatte das aber auch sein Gutes, denn so war Sänger Torsun ja nahezu gezwungen, sich zum Ende des Konzerts crowdsurfend auf die Menschen zu werfen. Egotronic feuerten von „Lustprinzip“ über „Raven gegen Deutschland“ bis hin zu „Nicht nur Raver“ alle Hits raus, die ihre Discographie hervorbringt und bewegten das Publikum sogar noch zu einer Wall Of Love. Was darunter zu verstehen ist – Die Kehrseite der Wall Of Death – möge sich nun bitte jeder selbst ausmalen…!

Nach Egotronic konnte ich mir noch einige Stücke von Das Pop ansehen, von denen bei mir hauptsächlich die einzelnen Buchstaben in Ballonform auf der Bühne im Gedächtnis geblieben sind. Macht aber einen sehr sympathischen Eindruck, die Band. Ich musste allerdings weiter, denn Clickclickdecker stand in den Fliegenden Bauten auf dem Programm. Kevin Hamann hatte bereits im Vorfeld in seinem Blog verkündet, dass das Konzert auf dem Festival einzigartig sein wird, da nur er selbst zusammen mit Bandkollege Oliver Stangl auf der Bühne stehen wird. Aber wer sich darunter jetzt reduzierte Song-Versionen vorstellt, liegt falsch. Die beiden haben Laptop, Gitarre, Xylophon, Lapsteel und allerlei Schnickschnack mitgebracht und einen Großteil der Clickclickdecker-Songs (z.B. „Einbahnstraße“ oder „PT-82 oder das Paarungsverhalten der CT-Serie“) in beatgeschwängerte Stücke verwandelt. Da war einem der Stuhl, auf dem man saß, stellenweise schon zuwider und man wollte aufspringen und tanzen. Der Respekt gegenüber den Musikern hat dann aber doch jeden an seinen Sitzplatz gefesselt. Nach dem Clickclickdecker-Konzert war dann endlich die erste lange Nacht angesagt, weil Samstag ausgeschlafen werden darf. Es boten sich zahlreiche Möglichkeiten auf der Feiermeile. Ich entschied mich für ULTRNX und das Egotronic DJ-Team in der Prinzenbar. Als ich den Schauplatz um 6 Uhr morgens verließ, waren noch immer viele Leute ausgelassen am Feiern. So soll ein schöner Tag enden!

Nach einer ausreichenden Mütze Schlaf machte ich mich am letzten Festivaltag mit etwas Wehmut wieder zur Reeperbahn auf. Solche Wochenende gehen ja immer wahnsinnig schnell vorbei. Alles Gejammer war aber vergessen, als ich mich zum ersten Konzert des Tages aufmachte. The Cinematics spielten im D-Club. Ich kannte die Jungs aus Schottland bis dato nur gering, aber der Auftritt hat überzeugt. Trotz früher Stunde war die Venue bereits gut gefüllt und die Band auf der Bühne hat mit Songs wie „She Talks To The Trees“ oder auch „Wish (When The Banks Collapse)“ gut Alarm gemacht und die Masse angefeuert. Danach hetzte ich zu den Fliegende Bauten, um Sophie Hunger sehen zu können. Pünktlich zum ersten Songs betrat ich die Halle. Die Schweizerin ist noch jung, aber hat bereits große Erfolge zu verzeichnen. Warum das ist so ist, hat sie bereits mit dem ersten Song eindrucksvoll unter beweis gestellt. Sie hat eine einzigartige Stimme. Gewöhnlicherweise singt sie auf Englisch, aber für den ersten Song hat sie in ihrer Muttersprache, also Schweizer Deutsch, gesungen. Erinnerte an eine Art Kinderlied, wunderschön. Leider hat nicht das ganze Publikum diesen besonderen Moment begriffen, denn pausenlos rannten Menschen vor meinen Füßen rum und bestellten sich was an der Theke.

Aber gut, lange konnte ich eh nicht mehr bleiben, weil sich bereits das nächste gute Konzert ankündigte: Hello Saferide spielten in der o2 World On Tour. Kurz eine Kritik zu dieser Location: Klar will o2 auf sich aufmerksam machen, aber man wurde dort ja schon quasi mit Werbung belästigt. Bevor man einen Sitzplatz im Innern der Area ergatterte, wurde man von mindestens drei o2 Mitarbeitern von der Seite angelabert. Keine Lust darauf! Und auch im Konzertsaal selbst hätte o2 sich mit dem „Entertainment. Music. Dance.“-Getue ein wenig zurückhalten können. Aber gut, kommen wir zum Auftritt: Hello Saferide, die Band rund um Sängerin Annika Nòrlin konnte überzeugen. Eine gute Mischung aus ruhigen und schnelleren Stücken, die allesamt sehr melodisch waren. Besonders spannend wurde es, als sie vollkommen mit ihrem Tamburin durchdrehte. Das Publikum war am Jubeln, wie man es sonst nur bei erstklassigen Gitarrensolos her kennt.

Nach dem Auftritt hatte ich dann aber auch genug von o2 und machte mich lieber wieder auf ins Uebel&Gefährlich, um Telekinesis live zu sehen. Die Band ist seit dem Sommer in jedermanns Munde, speziell derer, die sie beim Immergut Festival gesehen haben. Die Band aus Seattle macht erstklassigen Indie/Pop und hat auch an diesem Abend eine Menge Menschen ins Ue&G gezogen. Die bekanntesten Songs ihres Debüts, „Coast Of Carolina“ und „Tokyo“ wurden natürlich ebenso gespielt wie die ruhigeren Nummern auf Akustikgitarre, die Michael Lerner ohne seine Band in Angriff nahm.

Nach Telekinesis sollte ich das letzte Mal an diesem Abend für ein Konzert die Location wechseln, denn sowohl Ólafur Arnalds als auch Phantom/Ghost spielten in den Fliegenden Bauten, Schon wieder die Bauten. Wo man üblicherweise selten Zeit verbringt, hat man an diesem Festivalwochenende erstaunlich oft vorbeigeschaut! Ólafur Arnalds hält, was er verspricht. Nach einigen witzigen Anekdoten bezüglich der Anreise, beginnt er mit Klavier und Laptop-Beats zu experimentieren und seine dazugehörige Band bedient die Streichinstrumente. Dabei wird die Musik das ganze Konzert über so minimal wie nur möglich gehalten. Das war so entspannend, dass man stellenweise sogar einzuschlafen drohte, was natürlich kein KO-Argument ist, sondern wunderschön, wenn man so entspannen kann zu Musik. Leider Gottes sahen das einzige Konzertbesucher nicht so und verließen bereits nach wenigen Songs murmelnd den Raum.

Nach der kompletten Entspannung mit Ólafur betraten dann meine persönlichen Headliner des Abends die Bühne der Bauten: Dirk von Lowtzow und Thies Mynther gaben sich zu später Stunde als Phantom/Ghost die Ehre. Nur Gesang und Klavier, sonst nichts. Pure Eleganz, pure Zerbrechlichkeit, pure Stille. Selten hab ich ein Publikum so aufmerksam lauschen gehört. Störend waren lediglich die Leute, die meinten, während der ruhigsten Songs direkt vor der Bühne den Raum verlassen zu müssen. Phantom/Ghost lebten neben ihrer allgemein bekannten Buffy-Affinität („Willow“) auch seltener gespielte Stücke aus, „My secret Europe“ aus ihrer elektronischen Zeit wohl als größte Überraschung und auf Klavier umgesetzt gleich noch eine Spur schöner. Am Ende des Konzert hätte man sich noch einen fallenden Vorhang gewünscht, um die Dramatik des Auftritts mit in den Himmel gereckter Faust zu unterstreichen, aber das war selbstverständlich nicht drin. Nach diesem Konzert war auch in den anderen Clubs nicht mehr los, alle parallel spielenden Bands haben ebenfalls bereits zum Ende gefunden und die Festivalmeute verteilte sich quer auf die ganze Stadt, die in einer Samstag Nacht auch nach Festivalende den Besuchern noch zahlreiche Ausgehmöglichkeiten bieten konnte…

Alles in allem hat das Reeperbahnfestival in diesem Jahr – trotz vereinzelter Kritikpunkte die Organisation betreffend – mehr als jemals zuvor gezeigt, was es zu bieten hat. Da sind andere Festivals dieser Größe um einiges chaotischer. Jetzt kann sie auf jeden Fall ruhig kommen, die kalte Jahreszeit. Die Locations der Stadt wurden auf jeden Fall bereits stilvoll auf kommende Menschenmengen vorbereitet. Ich habe keinen Zweifel, dass das Festival auch im nächsten Jahr wieder reichlich Anklang finden wird und freue mich zusammen mit 15.000 anderen Menschen schon jetzt auf eines der schönsten Wochenenden im Jahr 2010!


Zur kompletten Fotogalerie des Festivals.
Fotogalerie zu Phantom/Ghost.
Bericht und Fotos aus 2008.

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