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Reeperbahnfestival 2010 – Ein Bericht

Das Reeperbahnfestival gehört inzwischen zum festen Bestandteil der Szene Hamburgs. In diesem Jahr fand es bereits zum fünften Mal statt und lud erneut Musikliebhaber aus aller Welt ein, in die Hansestadt zu kommen und auf der Reeperbahn und ihrer Umgebung in den beliebtesten Clubs der Stadt zu feiern. Auch wir konnten an diesem Wochenende nicht ruhig zuhause sitzen und begaben uns zu dem Spektakel!

Die Freude auf das Festival war im Vorfeld bereits haushoch. Jahr für Jahr werden mehr Bands eingeladen, auf dem Festival zu spielen und in diesem Jahr waren es sage und schreibe 190 Acts, die ihren Weg auf die Reeperbahn gefunden haben. Es ist immer wieder beeindruckend, wie das Festival es schafft, so viel Musik, so viele Besucher und zudem ein spannendes Rahmenprogramm unter einen Hut zu bringen. Reeperbahnfestival bedeutet drei Tage lang Musik, Kultur, Spaß und Nachtleben – Und das ohne größere Ausfälle. Von der Organisation des Festivals kann sich so manch anderes deutsches Festival gern eine Scheibe abschneiden! Das sonst so prollige und meist höllisch betrunkene Publikum der Reeperbahn ist beim Festival wie ausgewechselt und man begegnet vielen Gleichgesinnten. Das einzige, was Jahr für Jahr bitter aufstößt, ist die teilweise unerträgliche Überkreuzung absoluter Favoriten im Timetable. Aber auch das ist verständlich, da die Clubs in Hamburg natürlich eine begrenzte Kapazität haben, man ein Loveparade-ähnliches Fiasko verhindern möchte und so die Besuchermengen entzerrt. Trotzdem muss dies erwähnt werden, da speziell am Freitag so manch einer vor fiese Entscheidungen gestellt wurde, aber dazu später mehr…

Wie üblich begann das Festival auch dieses Jahr bereits am Donnerstag. Der Erste der drei Tage lässt es meist noch ziemlich besinnlich angehen und der Timetable stellt einen kaum vor quälende Walen. So war Marie Fisker die erste Wahl. Sie spielte gegen 20 Uhr in Angie’s Nightclub. Und diese Location sollte sich als wie gemacht für den Auftritt herausstellen. Das Publikum fand Platz auf Hockern, an Tischen, stehend oder sitzend vor der Bühne – Jeder, wie er wollte. Marie Fisker ist noch ein recht unbekannter Name hierzulande. Vor ein paar Wochen brachte sie ihr Debüt „Ghost Of Love“ bei uns auf den Markt und nutzte an diesem Abend die Chance, es dem Hamburger Publikum live vorzustellen. Ihr emotionaler Bluespop kam gut an und es hat mich überrascht, dass die Songs live noch so viel energetischer und näher am Zuhörer rüberkommen als auf Platte. Speziell Songs wie „Hold On To This For A While“ oder „My Love My Honey“ waren perfekt, um diesen Abend besinnlich zu eröffnen. Danach ging es einmal über die Straße zur Haspa Filiale. Ja, ihr lest richtig. Die Location ist in diesem Jahr neu hinzukommen und die Bank wurde zur Bühne zweckentfremdet. Die Newcomer Wilhelm Tell Me betraten die winzige Bühne und sorgten mit ihren elektronischen Popsongs für ein tanzendes und begeistertes Publikum. Lang verweilte ich dort allerdings nicht, denn in der Hasenschaukel stand Talking To Turtles auf dem Programm.

Das Projekt des jungen Florian Sievers konnte bereits beim Immergut Festival überzeugen und sein im Februar erschienenes Album „Monologue“ fand ich auch nicht übel, wie hier nachgelesen werden kann. Bei der Ankunft an der Hasenschaukel wurde man allerdings enttäuscht, denn die kleine Bar selbst wie auch die Straße davor war bereits von Menschenmengen überfüllt. Das wird wohl beim besten Willen nichts… Also schnell weiter Richtung Prinzenbar, denn dort sollten Tusq aufspielen! Hinter dem Namen stehen unter anderem Mitglieder der Bands Herrenmagazin und Schrottgrenze. Und doch klingen Tusq ganz anders als diese Referenzen. Die Musik bewegt sich im Bereich von experimentellem Indierock und Electronica, mit melodiösem Gesang. Ende Oktober wird ihr Debütalbum „Patience Camp“ erscheinen und die Besucher in der Prinzenbar konnten sich bereits ein gutes Bild machen, selbst wenn der Sound ziemlich übel war. Die Prinzenbar kann gut mit basslastigem Electro, doch sobald Gitarren dabei sind, kommt es meist zu Problemen… Leider konnte ich mir den Auftritt nicht ganz ansehen, da ich das Konzert von Jochen Distelmeyer in den Docks nicht verpassen wollte. Kurz nach 23 Uhr enterte der ehemalige Blumfeld-Sänger mit seiner Band die große Bühne. Er spielte Songs seines Anfang des Jahres veröffentlichten Solo-Albums „Heavy“, ebenso wie einige Blumfeld-Schmankerl à la „Ich – wie es wirklich war“. Es war ein überwältigender Auftritt und ein würdiges Abschlusskonzert des Donnerstags. Von emotionalen Momenten bis hin zu flegelhaftem auf-die-Bühne-spucken und anderen Rockgesten war alles dabei. Ein gelungener Balanceakt zwischen Abgehobenheit und Publikumsnähe. Doch spätestens als Jochen zu allem Verwundern der Security-Leute sogar einen Besucher in den vordersten Reihen um eine Zigarette bat, war das Eis gebrochen. Nach dem aufwühlenden Auftritt gab es dann noch ausreichend Möglichkeit, ins Hamburger Nachtleben zu fliehen. Ich entschied mich für die Delikatess-Party in der Meanie Bar und Mis-Shapes im Molotow. Beide Clubs liegen quasi ineinander, so war ein Herumgewandere von Tanzfläche zu Tanzfläche kein Problem und der Abend fand einen tollen Ausklang voller prächtiger Songs.

Am Freitag sollte es dann weitergehen. Die Vorfreude war besonders groß, denn das Line-Up am zweiten Festivaltag ließ so manche Münder offen stehen. Ich entschied mich als erstes für Petula, der im Silber spielte. Ein Club, den ich vorher noch nie von innen gesehen hab. Beim Reeperbahnfestival lernt man so manche Ecken der Stadt ganz neu kennen… Der Auftritt war eines der Highlights des gesamten Festivals! Zu schade, dass kaum mehr als zehn Leute diesen Mann zu schätzen wussten, aber die Konkurrenz war mit Größen wie Wolf Parade oder Junip wohl einfach zu groß. Wie auch immer, Petula ließ sich trotzdem die Freude am Spielen nicht nehmen und sagte ironisch, dass das hier wohl ein ganz ‚exklusiver Auftritt‘ werden würde. Seine Musik ist ja bereits auf CD beeindruckend, aber wie er das alles live umsetzt, war noch bewundernswerter. Mehrere Gitarren- und Gesangspuren live eingespielt und geloopt, bis zur Ekstase gesteigert oder auch mal ganz besinnlich und ruhig. Er spielte einiges vom im Mai erschienen Tape „Elephant Dresses“, aber präsentierte vor allem viele neue Songs. Das Publikum klatschte für hundert und war sichtlich gefangen von der Musik. Spätestens als die kleine Tochter von Petula immer wieder zur Bühne krabbelte und auf den Instrumenten herumdrückte und die Mutter dauernd versuchte, sie davon abzuhalten, konnte jeder die Situation nur sympathisch finden! Ganz beseelt verließ ich das Silber, um mir die nächste Band anzuschauen. Der schlimmste Kampf des Festivals stand bevor. Man musste sich zwischen Gisbert zu Knyphausen, pandoras.box und MIT entscheiden. Da ich Gisbert schon sehr oft gesehen habe, entschied ich mich schweren Herzens für pandoras.box. Trotz der Konkurrenz war das Indra ziemlich gefüllt und viele waren interessiert an dem, wie das Nebenprojekt des Frittenbude-Gitarristen Martin klingt. Ich wusste bereits von dem (kostenlos!) digital erschienen Debütalbum nur Gutes zu berichten und auch das Konzerte konnte überzeugen. Pandoras.box bauen eine Klangwelt zwischen Radiohead und Trail Of Dead auf und zeigen, dass man nicht immer in festgefahrenen Strukturen denken sollte. Martin steht hier am Mikrofon und lässt den punkigen Electro von Frittenbude schnell vergessen. Trotz der bisher wenigen Live-Erfahrungen machten sie sich einwandfrei auf der Bühne. Ich verließ das Konzert allerdings frühzeitig, um noch etwas von MIT hören zu können.

Der Weg vom Indra bis zum Uebel&Gefährlich war ein weiter, aber es sollte der letzte größere Marsch des Abends sein. Als ich die Location betrat, waren MIT bereits mittendrin und es dauerte nicht lange, bis man sich reingefunden hatte. Die gewöhnliche Bühnenbeleuchtung des Bunkers wurde ignoriert, MIT hatten riesige Leuchtröhren mitgebracht, die hinter ihnen standen und die einzige Lichtquelle im Bühnenbereich darstellen. Atmosphärisch ein Volltreffer! Es wurden viele Songs des neuen Albums „Nanonotes“ präsentiert und die junge Band konnte das Publikum mitreißen. Tiefgängige elektronische Songs brachten die Besucher zum gedankenverlorenen Tanzen im wohl schönsten Club der Stadt. Etwas verwunderlich war allerdings, dass MIT kommentarlos das Konzert eine Viertelstunde eher als geplant abbrachen. So blieb aber noch genug Zeit, den Bunker wieder zu verlassen und sich ins nicht weit entfernte Knust zu PVT zu begeben. Ich nahm Platz in der oberen Etage, der Loge des Clubs und dies sollte die beste Wahl sein. Der Sound im Knust ist sowieso einwandfrei, aber kam dort nochmals besser an. PVT haben gerade erst ihr neues Album „Church With No Magic“ herausgebracht, das mich umgehauen hat und ich war gespannt darauf, wie sie die Musik live umsetzen würden. Der Auftritt war dem Album mehr als nur ebenbürtig und die Synchronisation von Beleuchtung und Musik war beeindruckend. Die Gesang- und Soundeffekte waren den Großmeistern des Experimentellen, Animal Collective, nicht allzu fern. Rundum eindrucksvoll. Nach dem Konzert wühlte ich mich schweren Herzens aus dem gemütlichen Sessel der Loge und begab mich erneut zum Uebel&Gefährlich.

Ich bekam die letzten Töne von Schlachthofbronx mit. Bratzender Electropunk beschallte den Bunker, dieser Wechsel nach PVT war deutlich zu hart, dem Auftritt konnte ich kaum etwas abgewinnen. Trotzdem war die Freude auf Saalschutz groß, die im Anschluss um 01.20 Uhr die Bühne betraten. Die Schweizer Audiolith-Rabauken betraten wie üblich in einem Status zwischen Verwirrtheit und guter Laune die Bühne und begannen das Konzert. Sie spielten Klassiker wie „Defendin‘ Disco Dancin“ oder „Today We Al Gonna Die“, aber auch viele Songs des Ende des Monats erscheinenden Albums „Entweder Saalschutz„. Wie immer verbreiteten Saalschutz Tanzfreude und strahlende Gesichter im Publikum. Es ist eine gefühlte Ewigkeit her, dass Saalschutz in Hamburg gespielt haben und die Dankbarkeit seitens des Publikums war zu spüren. Die Features von EgotronicTorsun und Plemo, die extra aus Berlin angereist waren, um bei zwei Songs ihren Senf dazu zu geben, setzte dem Ganzen die Krone auf. Trotzdem gab es zwei Sachen während des Konzerts, die deutlich die Stimmung gedrückt haben. Während des Auftritts wurde für das neue Frittenbude-Video „Bilder mit Katze“ gedreht. Denkbar unpassend, Kameramänner ins Publikum zu jagen, die ziemlich unbedacht mit dem Menschen umging, das kein Interesse daran hatte, gefilmt zu werden und einfach die Musik genießen wollte. Ein Statement dazu gibt es auch bei Saalschutz im Blog. Ein weiterer Stimmungskiller war der unerklärlich ausgelöst Feueralarm während des Konzerts, der im Hintergrund nervte und aufgrund herbeigeeilter Feuerwehr wurde es plötzlich weiteren Besuchern verboten, das Gebäude zu betreten. Absoluter Fehlschuss, da ja wirklich nichts los war. Trotzdem war der Auftritt von Saalschutz eines der Highlights und der Abend nahm mit der Audiolith-Aftershowparty und DJ-Sets von Ahoi Boi (ULTRNX) und weiteren Audiolith-Allstars einen schönes Ende.

Dann war es bereits Samstag und der letzte Tag des Festivals stand an. Im Vorfeld war bereits abzusehen, dass es heute entspannter zugehen würde. Zuerst stand ein Konzert von Hans Unstern in den Fliegenden Bauten auf dem Programm. Nachdem ich ihn bereit vor einigen Monaten im Haus III&70 gesehen hab, hatte ich meine Zweifel, ob das auf einer so großen Bühne funktionieren würde. Die Sorge war aber umsonst. Hans Unstern schaffte es, auch hier zu brillieren. Wie üblich wurde der Raum abgedunkelt und Hans Unstern und seine Band spielten teilweise vor und teilweise hinter einer Leinwand, auf der zur Stimmung passende Filme projiziert wurden. Von den Eigenheiten à la live gebastelter Scanner-Fotografien und Mini-Ventilator anstatt Plektrum für das Gitarrenspiel war alles dabei. Die Schüchternheit bei Applaus trug nur dazu bei, den Auftritt in schillernder Erinnerung zu behalten.

Nach dem Auftritt nahm ich den weiten Weg zum Terrace Hill auf mich, um Beat!Beat!Beat! anzuschauen. Der Aufwand war leider umsonst, denn der Club war dermaßen überfüllt, dass man den Konzertraum kaum mehr betreten konnte. Also wieder zurück in Richtung Reeperbahn und in Angie’s Nightclub, wo spaceman spiff spielen sollte. Nach einigen technischen Problem ging es dann auch los. Viele Songs seines eigens vertriebenen Album „Bodenangst“ wurden vorgetragen, ebenso wie neue Songs, beispielsweise „Mit Scherenhänden“. Hannes trat an diesem Abend gemeinsam mit Felix, sprich mit Cellobegleitung, auf. Die technischen Schwierigkeiten wollten kein Ende nehmen, das Cello hat sich erst im Laufe des Konzert gefangen, vorher war unerklärliches Rascheln zu hören, sobald die Saiten angespielt wurden. Trotz der Pannen ein schöner Auftritt, wie man es von spaceman spiff gewohnt ist. Danach ging es dann schnell einmal um die Ecke in die Prinzenbar, um noch die letzte Töne von den neuen Audiolith-Giganten ULTRNX hören zu können. Als ich die Location betrat war das Publikum bereits ausgiebig am Durchdrehen und die Luft stickig. ULTRNX verausgabten sich auf der Bühne, es war alles perfekt. Am Nachmittag hatten wir die Band interviewt und Phil De Gap und Ahoi Boi freuten sich bereits auf den Gig. In Hamburg sei immer besonders viel los gewesen bisher – und die Erwartungen wurden auf jeden Fall erfüllt! Danach gab es natürlich wieder die Chance, den Abend ausklingen zu lassen. Da es der letzte Festivaltag war, gab es reichlich Möglichkeiten. Ich entschied mich für die Trashparty Entdeck The Dreck im Grünen Jäger und ließ meine von den letzten Tagen verwöhnten Ohren nochmal vernünftig von Eurodance und Charthits besudeln. Danach war aber endgültig Feierabend…

Alles in allem verließ wohl jeder am Sonntag die Reeperbahn mit dem tollen Gefühl, Teil eines wirklich schönen Festivalwochenendes gewesen zu sein. Lediglich der Kater dürfte manch einem nach drei vollgepackten Tagen geplagt haben, aber das ist ja schnell wieder vergessen. Ich habe eine Menge erlebt, längst geliebte Bands live sehen und einige Neunentdeckungen machen können. Das Festival hält, was es verspricht – Bereits seit fünf stolzen Jahren. Und da sich daran voraussichtlich nichts ändern wird, darf man sich bereits auf nächstes Jahr freuen – Auf ein weiteres Wochenende, bei dem Kultur und Musik wirklich noch geschätzt werden!


Hier findet ihr unsere komplette Fotogalerie zum Reeperbahnfestival 2010.
Hier entlang zu unserem Bericht zum Festival aus 2009.
Und hier zu unserer Fotogalerie aus dem letzten Jahr.

One comment

  1. magn says:

    schöner und ausführlicher bericht. auch oder gerade interessant für leute wie ich die nicht da waren. vielen dank

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